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    Institut für Musikforschung

    Transparentes Funktionsmodell einer Hydraulis – W 20

    Das Funktionsmodell einer Hydraulis wurde für die Ausstellung "MUS-IC-ON! – Klang der Antike" (Würzburg 2019/20) bei Michael Zierenberg in Auftrag gegeben.

    Die antike Wasserorgel, griechisch Hydraulis, zählt zu den spektakulärsten und technisch aufwendigsten Erfindungen eines Musikinstrumentes der griechisch-römischen Antike. Im späten 3. Jahrhundert v. Chr. soll der Mechaniker Ktesibios in Alexandria dieses Tasteninstrument entwickelt haben. Die große Leistung des Instruments liegt im Wesentlichen darin, dass Pfeifen (griechisch: auloi) nicht mit dem menschlichen Atem sondern mit (Wasser-)Druckluft (griech. hydor = Wasser) angeblasen werden. Die Innovation dabei ist, dass kontinuierlich ein gleichmäßiger Luftstrom erzeugt wird, mit dem dann mehrere Töne gleichzeitig erklingen können.

    Die Grundbestandteile jeder Orgel bestehen aus dem Windwerk, der Windlade, dem Spieltisch und den Pfeifen. An drei archäologisch überlieferten Instrumenten haben sich vor allem Teile der Pfeifen und des Spieltisches mit Registratur erhalten, für Funktionsweise von Windwerk und Windlade hingegen sind wir auf die schriftlichen Quellen angewiesen. Zu dieser kombinatorischen Rekonstruktion kommen noch Bilder hinzu, die weitere Details überliefern. Bleiben wir aber beim Kernstück der Erfindung, den – stets mit einem hölzernen Kasten verkleideten – hydraulischen Mechanismus der Windanlage. Seine Funktionsweise scheint derart komplex, dass selbst der antike Architekturtheoretiker und sonst so wortgewandte Schriftsteller Vitruv nach der Beschreibung der Bauweise eine praktische Kenntnis der Hydraulis fordert:

    „Ich habe mich, soweit ich dies erreichen konnte, angestrengt, diesen schwer verständlichen Gegenstand anschaulich vorzutragen: Es ist dies aber keine leichte Theorie und nicht allen wohlverständlich, sondern nur denjenigen, welche in derartigen Dingen durch Übung erfahren sind. Wenn aber auch jemand dies aus der Beschriebung nicht vollständig aufgefasst hat, so wird er doch, wenn er die Sache selbst praktisch kennenlernt, sicher zu dem Urteil kommen, dass alles in überlegter und scharfsinniger Weise angeordnet ist.“ (Vitruv, Über die Architektur X,8,6, Übers. Reber).

    Diesem Ratschlag folgend wurde für die Ausstellung „MUS-IC-ON!“ ein transparentes und spielbares Funktionsmodell angefertigt, an dem die komplizierte Technik jedem Laien verständlich wird. Sind in unserer Vorstellung Orgeln in der Regel fester Bestandteil eines Kirchenraums, so erklangen sie in der Antike zu zahlreichen Anlässen: In der Arena des Amphitheaters, in den privaten Gemächern der römischen Oberschicht bis hin zum kaiserlichen Palast am byzantinischen Hof. Bekannt ist das Faible des musikbegeisterten Kaisers Nero für den Klang und den Mechanismus der Orgeln:

    „Er ließ vielmehr einige der führenden Männer zu sich in den Palast vorladen, beriet sich hastig mit ihnen, um ihnen dann den Rest des Tages Wasserorgeln eines neuen, noch nie dagewesenen Typs vorzuführen; er zeigte ihnen jede einzelne und erging sich in Erklärungen über ihren Mechanismus und die Schwierigkeiten bei ihrer Bedienung; er versicherte ihnen, er werde sie in Kürze alle im Theater vorführen.“ (Sueton, Nero 42,2, übers. Martinet)

    Literatur: M. Markovits, Die Orgel im Altertum, Leiden 2003. – S. Rühling, Imponieren, Brillieren und Musizieren – Orgelklänge für Gott, Kaiser und den Sport, in: F. Daim, D. Heher u. C. Rapp (Hg.), Menschen, Bilder, Sprache, Dinge. Wege der Kommunikation zwischen Byzanz und dem Westen 1: Bilder und Dinge, Mainz 2018, 105–123.

    Florian Leitmeir