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Intern
    Institut für Musikforschung

    Kontroverse Wege der Moderne: Der exilierte Komponist und Pianist Eduard Steuermann (1892–1964) in seinen Briefen

    Korrespondenz mit Arnold Schönberg, Theodor W. Adorno, René Leibowitz, Rudolf Kolisch und Michael Gielen. Eine kommentierte kritische Studienausgabe

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    Projektleiter: Prof. Dr. em. Martin Zenck (Institut für Musikforschung, Univ. Würzburg, Grundlegung, Briefwechsel Adorno, Leibowitz)

    Wissenschaftlicher Mitarbeiter: Dr. Volker Rülke (Post-Doktorand, Univ. Würzburg, Grundlegung: Biographie und kompositorische Entwicklung Steuermanns, Briefwechsel Schönberg, Kolisch, Gielen; Supervision des gesamten Bandes)

    Studentische Hilfskraft: Gwendolin Koch (Univ. Mainz, Übertragung der Digitalisate, Korrekturarbeiten)


    Der allzu planen Alternative, Geschichte entweder als einen strikt teleologischen, dem Paradigma des Fortschritts verpflichteten Verlauf auf der einen oder als einen mehr oder weniger absichtslos ablaufenden, allmählichen Veränderungsprozess auf der anderen Seite zu verstehen, setzen neuere Konzeptionen von Emergenz den Gedanken von parallel verlaufenden, sich punktuell berührenden und gegenseitig beeinflussenden Strömungen als angemessenerem Beschreibungsmodell entgegen. In einem solcherart offenen Gefüge spannungsreicher, kontroverser Wege der Moderne ist Eduard Steuermann sowohl als Pianist wie als Komponist zu begreifen. Sein Lebensweg wäre schon unabhängig von seiner musikgeschichtlichen Bedeutung faszinierend genug: Aus dem heute in der Ukraine gelegen Sambor nahe Lemberg in Ost-Galizien gebürtig wuchs Steuermann in einem assimilierten, polnisch- österreichischen Haushalt auf. Sein Umfeld war ebenso musikalisch-literarisch geprägt wie von dem insgesamt toleranten, allerdings keineswegs spannungslosen Miteinander dreier ethnokonfessioneller Gruppen, Polen, Ukrainer und Juden. Mit 19 Jahren begann Steuermann, bei Ferruccio Busoni zu studieren, an dem er frühzeitig ermessen konnte, was es heißt, in einer Person ein bedeutender Literat, Kosmopolit, Komponist und Pianist zu sein. Im Januar 1912 wurde er dann von Busoni Arnold Schönberg vorgestellt und wurde umgehend zu einem zentralen Interpreten der Musik der Schönbergschule. Im 1919 gegründeten Verein für musikalische Privataufführungen, dem Urbild aller heutigen Spezialensembles für neue Musik, blieb Steuermann unersetzlich. In den 1920er Jahre verfolgte er von Wien aus eine erfolgreiche internationale Karriere, bis er sich aus Sorge vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten gezwungen sah, Europa zu verlassen. 1936 emigrierte er in die USA. Dort ließ sich Steuermann in New York nieder und war vor die Aufgabe gestellt, sich in einer ganz neuen Lebenswelt wieder von Neuem als Pianist zu etablieren. Die Sommer verbrachte er nun regelmäßig in Los Angeles bei seiner Schwester Salka Viertel inmitten der illustren Emigrantenkolonie. Nach bedeutenden Uraufführungen des Klavierkonzerts op. 42 von Schönberg und von dessen Ode to Napoleon Bonaparte op. 41B im Jahr 1944 erhielt Steuermann 1948 einen ersten Lehrauftrag am Konservatorium in Philadelphia. Von 1951 an lehrte er schließlich für ein gutes Jahrzehnt an der Juilliard School. 1953 besuchte er zum ersten Mal wieder Europa und konzertierte dabei auch in Israel, wo er mehrere Freunde und Bekannte aus früherer Zeit, denen die Flucht geglückt war, wiedersah. Gemeinsam mit Rudolf Kolisch folgte 1958 eine zweite Konzertreise nach Israel. In Europa blieb Steuermann bis 1963 fast alljährlich mit Sommerkursen präsent und unterrichtete unter anderem regelmäßig am Salzburger Mozarteum und bei den Darmstädter Ferienkursen.

    Von seiner ersten Begegnung mit Arnold Schönberg Ende Januar 1912 an war Steuermann ein bedingungsloser Vorkämpfer für dessen Werk und der zentrale Pianist der ganzen Schönbergschule mit einer Vielzahl von Ur- und Erstaufführungen. Gleichzeitig war er ein bedeutender Pianist des traditionellen Repertoires mit Schwerpunkten auf dem Schaffen von Bach, Mozart, Beethoven, Brahms, Chopin und Schumann. Dabei vertrat Steuermann einen von Schönberg geprägten, seinerzeit revolutionär wirkenden Ansatz der Interpretation, der die Treue zum Notentext, die schon an Äußerlichkeiten wie dem Ernstnehmen von Metronomangaben kenntlich ist, über das subjektive Ausdrucksbedürfnis des Musikers stellt, ohne dies zu unterdrücken, und die analytische Durchdringung des darzustellenden Werkes zu ihrer Voraussetzung  macht. Im Gegensatz zur Befolgung der Buchstäblichkeit der Notation hat er zugleich darauf bestanden, dass sich der Interpret seinen eigenen Text erzeugen müsse, sodass  die musikalische Interpretation nicht als eine rein reproduktive Tätigkeit erscheint, sondern in einen produktiven Horizont einrückt. In der Literatur des 20. Jahrhunderts bildeten Werke von Skrjabin, Busoni, Bartók, Debussy und Ravel Kernstücke seines Repertoires, das auch der Schönbergschule ferner stehende Komponisten wie Prokofieff oder Hindemith umfasste. Noch individueller wirkt Steuermanns kompositorische Position, die die Schönbergschule auf eine sehr persönliche Weise fortsetzt. Abzulesen ist seine Unabhängigkeit etwa auch an der zögerlichen Adaption der Zwölftonmethode Schönbergs, die er nicht als einen bequemen Weg zum Erzeugen von Tonsätzen begriff, sondern als Werkzeug, dessen spezifischer Sinn sich in jedem Werkzusammenhang erst zu erweisen hatte und die dementsprechend in vielfältigen Varianten in seinem Schaffen erscheint. Mit seinem Komponieren, das nach Schönbergs Tod im Jahr 1951 einen erheblichen Aufschwung nahm und dabei zusehends individueller wurde, kam er dann in einen starken Gegensatz sowohl zur Schönberg-Orthodoxie, wie sie teilweise von René Leibowitz repräsentiert wurde, als auch zur seriellen Musik, wie sie die Darmstädter Ferienkurse beherrschte, bei denen er mehrmals als Komponist und als Pianist vertreten war. Im Kreis der Darmstädter Avantgarde wurde Steuermann gewissermaßen zum zweiten Mal Opfer seiner erzwungenen Emigration, die auch an seinem Lebensweg als ein ganz und gar kontingenter, aber gleichwohl konstituierender Faktor der Musikgeschichte kenntlich wird. Denn der durch die massenhafte erzwungene Emigration abgerissene Tradtionszusammenhang verhinderte auf geradezu tragische Weise, dass Steuermanns Schaffen angemessen rezipiert wurde. Mit seiner negativen Haltung zu der Musik der Darmstädter Avantgarde geriet er auch in einen immer schwerer wiegenden und offener zu Tage tretenden Gegensatz zu seinem Freund Theodor W. Adorno, der seinerseits am Modell des Materialfortschritts festhielt und dessen Musikdenken stark vom Unterricht bei Steuermann und von dessen Einfluss allgemein geprägt war. Steuermanns immer noch zu entdeckendes Schaffen ist bisher größtenteils nur handschriftlich überliefert und bleibt auf eine kritische Neuedition angewiesen, womit erst öffentliche Aufführungen möglich werden. Es umfasst bedeutende Orchester-, Kammermusik- und Klavierwerke, die zwischen 1926 und 1964 entstanden und unter denen die Kantate Auf der Galerie nach Kafka besonders hervorsticht.

    Der im Projekt verfolgte Forschungsansatz geht über eine reine Quellenedition hinaus und verbindet die quellenkritisch erarbeitete Textgestalt der Briefe mit einem mehrstufig ineinandergreifenden Konzept. Auf der untersten Ebene stehen erschließende Stellenkommentare, die detaillierte Sachinformationen geben, aber auch Interpretationsmöglichkeiten anbieten. Sie werden in einführenden Essays zusammengeführt, die den einzelnen Corpora vorangestellt sind und auch Auskunft über die Überlieferungslage geben. Den eröffnenden Abschnitt bildet eine sechsteilige Grundlegung. Im ersten Kapitel wird Steuermanns Position im Spannungsfeld der kontroversen Wege der Moderne zwischen Avantgarde und Emergenz bestimmt, wobei auch die Kulturtransfers zwischen Europa und den USA und die Bedingungen der Emigration thematisiert werden. Weiter werden die Biographie und Grundlinien der stilistischen Entwicklung Steuermanns überblickshaft dargestellt. Ein eigenes Kapitel gilt dem für die musikalische Interpretation zentralen Begriff des „Wiener Espressivo“. Weiter wird Steuermanns „Kunst des Klavierspiels“ in einem umfassenden Kapitel dargestellt, das unter anderem seine Interpretation der Diabelli-Variationen, die im Briefwechsel mit Michael Gielen vorfindlichen Erläuterungen zur Interpretation Schönbergs und Bergs, seine Brahms-Ausgaben aus den 1920er Jahren und seinen Aufsatz „Verändert sich der Styl der musikalischen Interpretation“ aus dem Jahr 1934  behandeln. Das letzte Kapitel widmet sich der Bedeutung der Literaturvertonungen von Georg Trakl, Franz Kafka, Bertolt Brecht, Berthold Viertel, Michelangelo u.a. in seinem Œuvre.

    Insgesamt werden über das gesamte Buch hindurch mehrere thematische Schwerpunkte verfolgt, nämlich das genuine Schaffen des Komponisten Steuermann, dann die Lebenswirklichkeiten im Exil und exemplarische Strategien zur Bewältigung der Exilsituation, ferner die Aufführungskontexte der Werke der Schönbergschule, weiter das Spannungsfeld zwischen Musik und Literatur, wie es sich in den diskutierten Werken zeigt, und schließlich die Theorie und Geschichte der musikalischen Interpretation. Die hierfür ausgewählten zentralen Briefpartner Steuermanns sind sein Kompositionslehrer Arnold Schönberg, der Philosoph und Komponist Theodor W. Adorno, der bei Steuermann in Wien Klavier studierte, der Komponist, Dirigent und Musiktheoretiker René Leibowitz, der Geiger Rudolf Kolisch, der Primarius des von ihm begründeten Kolisch-Quartetts, und sein Neffe Michael Gielen, eine der wichtigsten Dirigentenpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Der thematische Perspektivenreichtum der Korrespondenzen lässt erwarten, dass die kommentierte Edition der Briefwechsel auch außerhalb des engeren musikwissenschaftlichen Zirkels Beachtung finden wird.

    Ein erster Band mit den Korrespondenzen Steuermanns mit Arnold Schönberg, Theodor W. Adorno und René Leibowitz erscheint Anfang 2021 im Verlag edition text und kritik, München mit einem Umfang von etwa 700 Seiten. Im zweiten Band soll dann die Korrespondenz mit Rudolf Kolisch und Michael Gielen folgen, der Auszüge aus der Familienkorrespondenz, vor allem mit der Schwester Salka Viertel, beigesellt werden sollen, die wesentliche Einblicke in die Realität des Exils zu vermitteln vermögen. Die Aktualität der Steuermann-Forschung wird durch ein im November 2018 an der Linzer Anton Bruckner Privatuniversität abgehaltenes Symposium unterstrichen, dessen Beiträge ebenfalls in der edition text und kritik veröffentlicht werden und etwa zeitgleich mit dem ersten Band der Korrespondenz erscheinen sollen.

    Das Steuermann-Projekt wird seit dem 1. Mai 2018 mit den Mitteln der DFG gefördert.


     

    Aus dem Projekt hervorgegangene Publikationen

    Martin Zenck / Volker Rülke: Kontroverse Wege der Moderne. Der exilierte Komponist und Pianist Eduard Steuermann in seinen Briefen. Korrespondenz mit Arnold Schönberg, Theodor W. Adorno und René Leibowitz, München: edition text + kritik 2021.

    Martin Zenck

    „‘Aus der abstrakten Ton-Materie ein Höchstmaß an Ausdruck und Bewegungssuggestion gewinnen‘. Die Auseinandersetzung Stefan Wolpes mit Anton Weberns Musik“, in: Neue Perspektiven. Anton Webern und das Komponieren im 20. Jahrhundert, hg. v. Pietro Cavallotti, Simon Obert und Rainer Schmusch (=Webern-Studien. Beihefte der Anton Webern-Gesamtausgabe, Bd. 4), Wien 2019, S. 51–72.

    „’Y a-t-il une musique érotique?’. Überlegungen auf der Grundlage unveröffentlichter Dokumente von Georges Bataille und René Leibowitz im Umfeld der französischen Philosophie und Anthropologie“, in: AfMw, Bd. 76, 2019, Heft 1, hg. v. Albrecht Riethmüller, Stuttgart 2019, S. 56–77.

    „ ‚...das ‚Wirre’ ist ja nicht ungewollt...‘ Zum zweiten Streichquartett Diary (1961) und der Uraufführung mit dem Juilliard String Quartet (1963) in New York“ (Vortrag, gehalten am 16.11.2018 während des Linzer Symposiums „Mehr als Schönbergs Pianist. Eduard Steuermann und die Aufführungspraxis der Wiener Schule“ unter der Leitung von Lars E. Laubhold, edition text + kritik, München, Druck in Vorbereitung.

    Volker Rülke

    „Nur im Banne Schönbergs? Zu Eduard Steuermanns Klavierwerken“ (Vortrag, gehalten am 16.11.2018 während des Linzer Symposiums „Mehr als Schönbergs Pianist. Eduard Steuermann und die Aufführungspraxis der Wiener Schule“ unter der Leitung von Lars E. Laubhold, edition text + kritik, München, Druck in Vorbereitung).

    Artikel „Eduard Steuermann“ in: Hanns-Werner Heister / Walter-Wolfgang Sparrer (Hg): Komponisten der Gegenwart (KdG), edition text und krititk, München, Druck in Vorbereitung.