Velviool/Tamboer – Fos 30
In Südafrika war eine violinenartige 4-saitige Streichlaute mit Hautbespannung in Gebrauch (Kirby 1968, 246). William John Burchell, der 1810 bis 1815 durch Südafrika reiste, war – bei aller hegemonialen Überheblichkeit und Herablassung – überrascht von der Geschicklichkeit, mit der ein "Hottentotte" die velviool spielte: "He brought with him a curious proof of his ingenuity; a fiddle of his own making. I could not be otherwise than exceedingly amused, for the rudeness of its appearance was really laughable. Yet it gave, every thing considered, an excellent tone, and proved, during our travels, a most valuable article. This mirth inspiring utensil was a kind of oblong bowl, carved out of willow-wood, and covered over with sheep-skin or parchment. A finger-board with screws, bridge, and tail-piece, together with a bow, were all formed in imitation of a European violin, and nearly in the proper proportion. The strings, twisted of their due thickness, were made from sheep’s entrails, and the horse’s tail supplied the hair for the bow […] But my own pleasure and surprise were heightened still more, when, on desiring to hear a specimen of his playing, he clapped his Cremona to his shoulder, handled his bow with all the grace of a Hottentot, and fiddled a dance in so lively a manner, that my men and myself were all in the highest degree delighted” (Burchell 1967: i, 499-500). Neben dem niederländischen Namen "Velviool", der einem Instrument gegeben wurde, das von einem San ("Buschleute") um 1880 hergestellt wurde, gibt es noch den Namen "tamboer", mit dem ein vergleichbares Instrument bezeichnet wurde, das von einem Griqua (Khoi-khoi) im späten 19. Jahrhundert gebaut worden war (Grove 2014 nach Kirby 1934/1965). Ein vernakulärer Name des Instruments ist nicht bekannt.
"Um ein ähnliches Instrument", so Fosshag, "dürfte es sich bei der 3-saitigen Laute […] handeln. Bei diesem sorgfältig gearbeiteten Instrument dient eine weibliche Figur als Saitenhalter. Diese Darstellung dürfte nicht traditioneller Natur, sondern auf den persönlichen Einfall des Herstellers zurückzuführen sein." (Fosshag 1996, 93). Das Instrument ist Zeugnis einer Kreolisierung, d.h. einer kulturellen Vermischung, bei dem lokale und fremde, oft koloniale Elemente zu etwas Neuem verschmelzen. Bei Übernahme oder Adaption einer europäischen Instrumentenform werden eigene Bautechniken, hier der fellbedeckte Resonator aus einem Stück ausgeschnitzem Holz, beibehalten. Die Zusammengesetztheit europäischer Instrumente wird morphologisch nachgeahmt (siehe etwa die arpa indigena aus Belize, De 366), obwohl daraus kein Nutzen entspringt. Auch die Schnecke der europäischen Geige ersetzt oft eigenkulturelle Symbole – vgl. z.B. die indonesische Zupflaute De 627 –, wobei beim vorliegenden Instrument Schnecke und Wirbelkasten wiederum von Schnitz-Ornamentik überlagert sind.
Fos 30
Südafrika, um 1900 (?)
LBT 62,3 x 20,4 x 7,8 cm
Mittelbügel 12,4 cm
Deckenhöhe 35,5 cm
Der Resonator besteht aus einem Stück Holz, der Boden ist durch ein Profil und Kerbenmuster abgesetzt, als wäre er ein separates Bauteil
Schafhautbespannung, seitlich angenagelt
3 Schalllöcher
Verstärkung der Hals-Korpus-Verbindung mit einer Messingplatte
3 Saiten
befestigt an Saitenhalter in Form einer Frau mit erhobenen Unterarmen
Steg fehlt
Herkunft: Bengt Fosshag (Rüsselsheim), 9. März 2026
Literatur: William John Burchell: Travels in the interior of Southern Africa, reprint of the edition London 1822-1824, New York: Johnson Reprint Corporation 1967, Bd. 1. – Percival R. Kirby: The Musical Instruments of the Native Races of South Africa, 2nd ed., Johannesburg: Witwatersrand University Press 1965 (Erstausgabe London 1934). – Bengt Fosshag: Anthropomorphe Darstellungen an Lauteninstrumenten, in: Lars-Christian Koch und Raimund Vogels (Hg.): "mit Haut und Haar". DIe Welt der Lauteninstrumente. Begleitbuch zur Sonderausstellung im Linden-Museum Stuttgart Stuttgart 1996, 91-96. – Denis-Constant Martin: Sounding the Cape: Music, Identity and Politics in South Africa, Sumerset West: African Minds 2013, 76-77. – [Redaktion]: Art. Velviool, in: Laurence Libin (Hg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments, 2nd ed., Oxford und London: OUP 2014, 172.
{2026-05-05; ow}



