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Institut für Musikforschung

Sgra-snyan, Nepal – Fos 3–17

Sgra-snyan (tibetisch: སྒྲ་སྙན།; in verschiedenen Aussprachevarianten, dra-nyen (der Name der Zeitschrift der TIPA [Tibetan Institute of Performing Arts, Dharamsala], in Bhutan dram-nyen, in Ladakh dam-nyen, in Nepal alternativ auch tunġnā), was auf Deutsch soviel wie "harmonische/angenehme Stimme/Töne" bedeutet, ist der Name einer mit Plektrum gezupften Laute mit 3 bis 7 Saiten aus Tibet, Nepal, Bhutan und Sikkim (Indien). Die Transliteration sgra-snyan ist gegenüber anderen zu bevorzugen wegen ihrer semantischen Unzweideutigkeit und einer politischen, ethnischen und linguistischen Neutralität (Ellingson 1981, 134; Collinge 1991, 21).

Morphologisch handelt es sich um eine in der Regel aus einem Stück Holz geformte mit Plektrum gezupfte Langhalslaute mit einer Taille, die einen runden Resonator mit Bedeckung aus Ziegen- oder Schlangenhaut von einem sich verjüngenden Hals trennt, der zu einem Teil ausgehöhlt und mit einer Holzdecke verschlossen ist. Zwischen den beiden Decken befindet sich beim großen Instrumententypus ein schlitzförmiges Schallloch. Der Wirbelkasten ist sichelförmig und von der Form eines Pferdekopfs abstrahiert, wobei das Ende flach, oft mit einer Kopfplatte ausgestattet ist und in  einer Linie mit dem Griffbrett liegt. In der Regel sind auf der Laute drei zweichörige Saitenzüge in der Stimmung A–e–H aufgezogen. Die Länge dieser zentral-tibetischen sgra-snyan liegt um 115 cm. Aktuell in Gebrauch sind zwei Typen, ein handwerklich gefertigter, der am TIPA in Dharamsala ab den 1960er Jahren formal und in den Materialien (Rhododendron, Walnuss, Weide, Pinie; Banjo-Fell) modernisiert wurde, und ein industriell in Beijing hergestellter Typ mit Sandelholzkorpus und Schlangenhautbezug, der von der Verarbeitung her an die chinesische sanxian erinnert. (Collinge 1991, 11-19). Der Aufbau dieser Laute kann schematisch so dargestellt werden:

Die älteren Sgra-snyan aus Zentraltibet sind kürzer. Bei den hier versammelten Instrumenten aus Nepal handelt es sich um kurze Lauten, nämlich zwischen 58 bis 70 cm. Charakteristisch ist für diese eine Gestaltung des Kopfs als Fabelwesen (Mahara) oder Tier (Pferd, Vogel, Affe), auch menschliche Gesichter sind anzutreffen. In der Regel bildet der nach hinten offene Wirbelkasten einen Halbkreis und hat ein meist rundes Loch in der Mitte. Die rückseitige Öffnung des Wirbelkastens ermöglicht eine Integration des Kopfmotivs zur Vorderseite hin, so dass kein zusätzlicher Aufbau auf dem Wirbelkasten notwendig ist (W&K, 92; Fosshag 1996, 94). Der Hals erweitert sich vom Sattel zum seitlich herausragenden Spitzen oder Widerhakenformen. Die Zahl der Saiten variiert zwischen vier und sechs. Bevorzugt werden einfache, gerade Wirbel. 

Da diese eher für den "privaten" Gebrauch gedachten kleinen Instrumente (Schmidt-Thomé/Thiago 1975, 284) wohl von lokalen Handwerkern außerhalb kastenmäßiger Organisation stammen, und wohl auch von Musikern selbst hergestellt worden sind, ist die Erscheinungsweise dieses Instrumententyps und seine handwerkliche Ausführung sehr variabel und jedes Instrument individuell. Kihara (1957, 188) berichtet in den 1950er Jahren davon, dass in Tsumje, nördlich von Kathmandu, Wandermusiker (ähnlich den Gaine in den Lowlands Nepals) mit dem Instrument herumzogen und Lieder mit lebhaftem Rhythmus spielten.

Studieren lässt sich diese Vielfalt an den sgra-snyan, die Bengt Fosshag gesammelt hat. Im Katalog zur Frankfurter Austellung "Werkzeug & Kunstwerk. Außereuropäische Lauten" von 1992 – im folgenden angeführt als W&K – unterscheidet Fosshag verschiedene Typen der Sgra-snyan:
a) mit Drachenkopf (Makara, tibetisch: chu-srin) und halbrundem Wirbelkasten: dieser Typ wurde den Sherpas zugerechnet (Schmidt-Thomé/Thiago 1975, 284).
b) mit eingeritzter oder reliefartig gestalteter Maske auf der Vorderseite eines massiven Wirbelkastens, oft mit Blumenmustern auf der Seite;
c) einfach, auf dem Korpus völlig schmucklos;
d) mit Pferdekopf bzw. einem Paar Pferdeköpfe, vorn am Wirbelkasten angeschnitzt, fast sanduhrförmig, mit Trense.
Es gibt ferner eine morphologisch andere, tropfenförmige kurze Laute, die aber Merkmale mit der Sgra-snyan teilt.
In W&K (S. 204f) findet sich der Versuch einer Abstraktion der Korpusvarianten der Typen a–d. Differenziert werden kann die Form der Halsbasis (gerade bis schräg angeschnitten) und des Korpus (rund bis oval):

Fosshag, der beim Aufbau seiner Sammlung von Lauteninstrumenten vor allem von einem morphologischen und ästhetischen Interesse geleitet war, hat versucht, die Gebrauchsspuren und Veränderungen, die an den Instrumenten seiner Sammlung zu beobachten sind, zur Grundlage von Beobachtungen zu machen, aus denen sich die Geschichte der einzelnen Instrumente plausibel machen lässt. Diese Herangehensweise, die im "Versuch, mit indisch, nepalesischen Musikinstrumenten zu kommunizieren" – im Folgenden MIK – ist nicht nur ein Ersatz für mangelnde wissenschaftliche Literatur, sondern stellt eine wichtige Annäherung an Objektgeschichten der Instrumente und eine Dokumentation des sensiblen Bezugs eines Sammlers zu den Objekten dar, mit denen er über viele Jahre zusammengelebt hat. 

Fos 3

Nepal

LBT 66,8 x 10,3 x 8,6 cm
Kopf: Tiefe 10,5 cm
Drachenkopf mit Ritzmustern
Der Wirbelkasten hat kein Loch in der Mitte
Hals und Korpus mit großen geometrischen Ritzmustern
Wachssiegel an der rechten Seite

6 Wirbel
Saiten sind abgenommen
1 Schallloch in der Holzdecke
3 im Dreieck angeordnete Schalllöcher in der Hautdecke

Kleine Wulst zwischen Ober- und Unterteil, darin eine Öse, an der ein Trageband aus Leder befestigt ist
Anhängend am Saitenhalter: Steg und Plektrum
aufgenagelte Decke

Das Instrument wurde laut W&K 1990 im deutschen Kunsthandel erworben, S. 96 [Kat.-Nr. 53], Abb. S. 103. MIK S. 14 und 18.

Fos 4

Nepal

LBT 70,7 x 14,5 x 7,0 cm
Kopf: Tiefe 11,6
Wirbelkasten als Makarakopf, kein Loch in der Mitte
Eckiger Hals mit kleiner Holzdecke
Ovaler abgerundeter Klangkörper
Hautdecke mit langen abgeknickten Nägeln fixiert

4 Wirbelkanäle
2 Wirbel erhalten
10 Schalllöcher in der Holzdecke

Wirbelkasten rechts hinten gebrochen und genagelt
Bohrung im Hals 

Das Instrument wurde laut W&K 1991 im deutschen Kunsthandel erworben, S. 96 [Kat.-Nr. 65], Abb. S. 123. MIK, S. 16. 

Fos 5

Nepal

LBT 59,5 x 13,8 x 8,3 cm
Kopf T 11,7 cm
Makarakopf mit fein ausgearbeiteten Locken
Oberer Resonator mit Blütenrelief; unterer mit konzentrischen Ornamentbändern

4 Wirbel (erhalten)
4 Nylon-Saiten
Steg erhalten: Holzstück im rechten Winkel zum Steg zwischen den Füßen dient der Stabilisierung
Trageschnur in einem Loch in der Mitte des unteren Resonators befestigt
Wachs-Siegel links auf dem Hals knapp unter dem Wirbelkasten
Anhängend: Plektrum

Das Instrument wurde laut W&K 1990 im deutschen Kunsthandel erworben, S. 96 [Kat.-Nr. 50], Abb. S. 97. MIK, S. 13 und 17.

Fos 6

Nepal

LBT 51,0 x 10,4 x 6,0 cm
Kopf: Tiefe 10,1 cm
Makarakopf
Verzierte Holzdecke

6 Wirbelkanäle
4 Wirbel erhalten
Der Steg ist an die Untenbefestigung fixiert, um durch die Länge der Schnur den richtigen Abstand des Steges zum Korpusende beizubehalten.
Hautbespannung mit Nägeln mit breiten flachen Köpfen fixiert
1 Schallloch in der Holzdecke
Anhängend: Plektrum

[Nicht in W&K]

Fos 7

Nepal

LBT 64,6 x 14,1 x 5,9 cm
Kopf: Tiefe 10,5 cm
Pferdekopf
Verzierungen auf Hals und Holzdecke

6 Wirbellöcher
1 Wirbel erhalten, 2 Wirbelreste
Saitenanhang in Form eines Eisendrahtbügels
Schüre für die Aufspannung der Hautdecke auf Rückseite sind erhalten
2 Risse in der Decke

[Nicht in W&K]

Fos 8

Nepal

LBT 66,2 x 11,5 x 5,6 cm
Kopf: Tiefe 14,5 cm
Makarakopf, schlicht
Rückseite nicht abgerundet
Mittlerer Teil abgesetzt, rund, nicht als Resonator ausgearbeitet

4 Wirbelkanäle
4 erhaltene Wirbel
3 kleine Schalllöcher in dreieckiger Anordnung in der Hautdecke
Hautbespannung mit kleinen Nägeln seitlich fixiert

[Nicht in W&K]
 

Fos 9

Nepal

LBT 51,3 x 8,5 x 5,0 cm
Kopf T 10,4 cm
Pferdekopf (abstrakt)

4 Wirbelkanäle
4 Wirbel, 1 davon abgebrochen
Strahlenmuster auf der Seite, Rückseite: Sonne und Blüte
Riss im oberen Zehntel der Decke
Anhängend: Plektrum

Fos 10

Nepal

LBT 63,0 x 10,9 x 4,8 cm
Kopf: Tiefe 12,5 cm
Pferdekopf, abstrakt
Vorne am Kopf geschlossener Schraubhaken mit Öse
Muster auf der Seite

5 Wirbelkanäle
1 Wirbelrest
4 kleine Schalllöcher in der Hautdecke, 1 im oberen Zehntel, 3 dreieckig angeordnet im unteren Drittel
Hautbespannung seitlich mit kleinen Nägeln fixiert
Anhängend: Plektrum

[Nicht in W&K]

Fos 11

Nepal

LBT 64,0 x 11,0 x 5,6 cm
Kopf: Tiefe 14,1 cm
Pferdekopf, abstrakt

4 Wirbelkanäle
4 Wirbel, 1 davon abgebrochen
3 Schalllöcher in der Hautdecke, Formation: auf der Spitze stehendes Dreieck

[Nicht in W&K]

Fos 12

Nepal

LBT 74,5 x 13,0 x 7,0 cm
Kopf T 14,0 cm
Pferdekopf abstr.
Auf beiden Seiten begonnene Ornamentbänder

Korpusform mit seitlich herabgeneigten Spitzen
4 Wirbelkanäle
4 Wirbel

[Nicht in W&K]

Fos 13

Nepal

LBT 65,5 x 11,3 x 6,5 cm
Wirbelkasten: Tiefe 8,1 cm
Ornamentale Ritzmuster (keine zoomorphe Darstellung)
Wirbelkasten vorne und seitlich durchbrochen

4 Wirbel
Saitenreste darin aufgewickelt
Saitenanhang aus Metalldraht
3 Schallöcher in Dreieck-Formation in der Hautdecke
Hautbespannung mit Eisenklammern fixiert

Das Instrument wurde laut W&K 1991 im deutschen Kunsthandel erworben, S. 98 [Kat.-Nr. 56], Abb. S. 105.

Fos 14

Nepal

LBT 53,3 x 10,6 x 7,6 cm
Wirbelkasten: Tiefe 9,7 cm
Gesicht
Aufschrift in Devanagari auf der linken Seite des Halses

4 Wirbelkanäle
2 Schallöcher (dezentriert) in der Hautdecke
Hautbespannung mit Eisenklammern und Eisennägeln fixiert
Saitenanhang: Nagel

Fos 15

Nepal

LBT 68,2 x 15,5 x 7,5 cm
Kopf: Tiefe 10,5
Ausgearbeiteter Makarakopf mit Zügen eines menschlichen Gesichts
Rechteckiges Loch im Wirbelkasten, ein zweites rechteckiges Loch stellt wohl das Maul dar
Verzierungen mit Ritzmustern, buddhistischen Symbolen, Pflanzen, eine menschliche Figur
Bengt Fosshag nimmt mehrere Bearbeitungsstufen an (MIK, 15): Die menschlichen Züge wurden nachträglich aus dem Monster-Kopf herausgearbeitet. Das runde Loch in der Mitte des Wirbelkastens wurde zu einem Rechteck. Die Kerbschnitzereien und Ornamente weichen stilistisch von den ursprünglichen Verzierungen des Instruments ab.

4 Wirbel (1 abgebrochen)
Saiten erhalten
Steg fehlt
2 spitzbogenförmige Schallöffnungen in der Holzdecke
Hautdecke mit Eisenstiften fixiert
Wach-Siegel-Rest auf dem Hals

Das Instrument wurde laut W&K 1990 im deutschen Kunsthandel erworben, S. 98 [Kat.-Nr. 54], Abb. S. 103. MIK S. 15 u. 18.

Fos 16

Nepal

LBT 61,8 x 14,6 x 8,9 cm
Wirbelkasten: Tiefe 13,8 cm
Auf der Front: eingeritztes Gesicht
Aufschriften auf Hals, Holzdecke, linker und rechter Seite
Symbole und Ornamente (Blüte mit Dreizack, Quadrat mit diagonalen, senk- und waagerechten Linien, aus dem Zweige wachsen.
An den Seiten stilisierte Blüten und Ritzmuster

5 Wirbelkanäle
Abgebrochenes Stück rechts hinten am Wirbelkasten ersetzt
Am Halsanfang Vertiefung, möglicherweise für angebundenen Sattel, da an der Seite Bindespuren zu erkennen sind
4 Schalllöcher in der Hautdecke, T-förmig angeordnet
Hautdecke mit Eisenklammern fixiert
Öffnung auf der Rückseite mit einem Stück Fell und Krampen verschlossen

Das Instrument wurde laut W&K 1991 im deutschen Kunsthandel erworben, S. 98 [Kat.-Nr. 55], Abb. S. 105 u. 107.

Fos 17

Nepal

LBT 65,8 x 10,5 x 10,1 cm
Wirbelkasten: Tiefe 10,2 cm
Gesicht (mit Bart und Mütze, seitlich Ohren) in Relief-Darstellung
Holzdecke mit Blumenmuster

4 Wirbel
4 Saiten
Steg fehlt
1 Schallloch im Zentrum der Hautdecke
Hautdecke seitlich mit Nägeln fixiert

Das Instrument wurde laut W&K 1991 im deutschen Kunsthandel erworben, S. 100 [Kat.-Nr. 57], Abb. S. 107.

Herkunft: Alle sgra-snyan auf dieser Seite stammen aus einer Zuwendung von Bent Fosshag (Rüsselsheim) an die Studiensammlung Musikinstrumente & Medien, 9. März 2026

Literatur: Hitoshi Kihara, Scientific results of the Japanese Expeditions to Nepal Himalaya. 1952–1953, Bd. 3: Peoples of Nepal Himalaya, Kyoto 1957, 188, 326f. – Alfred Janata, Musikinstrumente der Völker, Wien: Museum für Völkerkunde 1975, Abb. 63 u. 69. – Marlis Schmidt-Thomé und Tsering T. Thingo, Materielle Kultur und Kunst der Sherpa. Mit einem Anhang zum Gemeinschaftsleben, Innsbruck und München 1975, 284. – Vishnudass Shirali, Sargam. An Introduction  to Indian Music, New Dehli 1977, Abb. 8. – Ter Ellingson, Four Tibetan Recordings (Review Essay), in: Asian Music 12.2 (1981), 133-151. – Klaus Peter Brenner, Erlesene Musikinstrumente aus der Sammlung des musikwissenschaftlichen Seminars der Georg-August-Universität Göttingen, Göttingen 1989, 91-93. – Wolf Dietrich und Bengt Fosshag, Werkzeug & Kunstwerk. Außereuropäische Lauten, Rüsselsheim und Frankfurt 1992, 92-129. – Ian Collinge, The ̶ Sweet Sound of the Tibetan Lute. An examination of the principal cultural and musical associations of the sgra-snyan, MA thesis in Ethnomusicology of the University of London (SOAS) 1991. – Mireille Helffer, Mchod-rol. Les instruments de la musique tibétaine, Paris: CNRS éditions 1994, Chap. XII: Le luth pi-wang ou sgra-snyan, 277-285. – Bengt Fosshag, Anthropomorphe Darstellungen an Lauteninstrumenten, in: Lars-Christian Koch und Raimund Vogels (Hg.): "mit Haut und Haar". Die Welt der Lauteninstrumente. Begleitbuch zur Sonderausstellung im Linden-Museum Stuttgart, Stuttgart 1996, 91-96. – Bengt Fosshag, Der Versuch, mit indisch, nepalesischen Musikinstrumenten zu kommunizieren./Trying to talk with Indian and Nepalis Musical Instruments, Rüsselsheim: Selbstverlag 2025 [Link], 12-18. 

{ow; 2026-04-01}