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    Institut für Musikforschung

    Parlograph (Diktiergerät), Carl Lindström AG Berlin, Ate 4

    Der Parlograph – auch Sprechmaschine (Talking Machine) genannt – wurde vom schwedischen Mechaniker und Industriellen Carl Lindström (1869–1932) erfunden. Lindström gründete 1897 in Berlin eine mechanische Werkstatt, die sich auf die Herstellung von Phonographen konzentrierte. Der Parlograph basierte auf dem von Thomas Alva Edison (1847–1931) erfundenen Phonographen (Patent 1878) und war für das gesprochene Wort optimiert. Lindström bewarb das Büro-Diktiergerät als Stenographie-Ersatz. Er entwickelte zusammen mit Paul Pfeiffer (1875–1951) den "Lyra-Phonographen" und produzierte den "Ideal-Phonographen", eine Maschine für Aufnahme und Wiedergabe; ferner baute er ein Grammophon ("Lynophone"). 1904 wurde die Werkstatt durch Beteiligung der Bankkaufleute Max Straus (1861–1939) und Heinrich Zuntz zum Industriebetrieb, der Carl Lindström GmbH erweitert, ab 1908 zu einer Aktiengesellschaft. Die Firma profitierte vom Siegeszug der Schallplatte. 1906 produzierte die Fabrik 150.000 Grammophone. Nach der Einrichtung von Aufnahmestudios erwarb das Unternehmen mit der International Talking Machine Company die Schallplattenmarke Odeon. Die Übernahme weiterer Warenzeichen sicherte Lindström die Position des umsatzkräftigsten europäischen Schallplattenproduzenten. Auch in Südamerika wurden Plattenpresswerke gegründet. (1913 wurde der Parlograph auch in Frankreich angeboten, konkurrierend zum "Roneophone"-Diktiergerät der Roneo Corporation. Im Gegensatz zum Parlograph besaß das Roneophone keine walzen-, sondern scheibenförmige Speichermedien.) 1925 produzierte allein der Berliner Stammbetrieb täglich 150.000 Platten und 1000 Sprechmaschinen. 1931 wurde Lindströms Unternehmen vom Konzern EMI (Electric Musical Industries Ltd.), einem Zusammenschluss von UK Columbia Records und Gramophone/HMV (His Master’s Voice) übernommen.

    Der hier abgebildete Parlograph (nach 1908, wohl 1910er Jahre) besitzt einen Wachswalzenaufsatz, der mit mechanischem Federzug angetrieben wird, an der rechten Seite ist eine Aufziehkurbel für die Doppelfeder angebracht. Später wurde der Federantrieb durch einen Elektromotor ersetzt. Ein Trichter nimmt die Schallinformation auf, die über einen Schlauch an einen Übersetzer (Schalldose) weitergegeben wird. Dieser verwandelt diese in mechanische Bewegungen des Schreibkopfs, der die Lesespuren mit einer Nadel in die Walze ritzt. Der Schlauch fehlt beim Apparat unserer Sammlung, das Antriebsband ist gerissen. Das Gerät verfügt über einen Start/Stopp-Knopf, eine mechanische Geschwindigkeitskontrolle und eine Streckenanzeige der Walzenbeschriftung. Über einen Schalter kann zwischen Lese- und Schreibfunktion des Kopfes gewählt werden.

    Medienarchäologisch gehört der Parlograph zu den Apparaten, die um 1900 Poetiken der mechanischen Beschriftung und des automatischen Textes beförderten (Kittler 1995). Franz Kafka (1883–1924) hat dem Schreibkopf des Apparats ein Denkmal als Strafvollstreckungsinstrument in seiner Erzählung "In der Strafkolonie" (1914) gesetzt. Die Egge des Apparats beschreibt keine Walzen mit beliebigen Nachrichten, sondern die Körper der Delinquenten mit ihren Vergehen. – Kafkas Verlobte Felice Bauer (1887–1960) arbeitete seit 1910 bei der Carl Lindström AG. 1913 schrieb Kafka in einem Brief an Bauer: "Übrigens ist die Vorstellung ganz hübsch, dass in Berlin ein Parlograph zum Telefon geht und in Prag ein Grammophon, und diese zwei eine kleine Unterhaltung miteinander führen.“ (Briefe an Felice, hg. v. Max Brod, Frankfurt am Main 1967, S. 265.)

    Kastenmaße: B 38 cm, H 25 cm, T 25 cm

    Ort und Datierung: Berlin 1908 – ca. 1925

    Provenienz: Atelier Klangforschung (Universität Würzburg)

    Link: Early Office Museum: Antique Dictating Machines.

    Literatur:

    – Friedrich Kittler, Aufschreibesysteme 1800 · 1900, München 1985 (3/1995).
    – Sara Velez, The Lindstrom Project: Contributions to the History of the Record Industry/ Beitrage zur Geschichte der Schallplattenindustrie, ARSC Journal, vol. 42, no. 1, 2011, p. 96–x.

    {ow; 2021-05-15}