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Institut für Musikforschung

Thüringer Zister von A. O. Annemüller, Schmiedefeld, um 1900 (?) – R 52

Die Quellen zum Zisternbau in Thüringen reichen ins 16. Jahrhundert zurück (zum Typus vgl. Michel 1999, 104-123). Im 18. und 19. Jahrhundert wird die Saitenzahl des Instruments erhöht, Fünfchörigkeit wird Standard, häufig gibt es zusätzliche Erweiterungen mit Baßsaiten. Als Obersattel dient in der Regel ein über das Griffbrett seitlich hinausragender "Null"-Bund. Für diese Zistern galt eine offene Stimmung auf Dreiklangsbasis mit der Quarte zwischen 3. und 4. Chor. Das bei Eisenach gelegene Dorf Crawinkel erlangte der Zisternbau in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine zentrale Rolle, wo, mit individuellen Varianten, Johann Wolfgang Wolf (1731-1808), Johann Caspar Wolf (1757- nach 1800), Georg Nicolaus Köllmer (1775-1850) und Johann Christian Bäumler (1820-1879) einen eigenen Typ schufen (vgl. Michel 1999. 106-107). 

Unter den zwei von Andreas Michel herausgearbeiteten Bauformen (Michel 1999, 106f., 112) handelt es sich beim Würzburger Instrument R 52 um Typ 2 (wie Vergleichsinstrument Leipzig, Inv-Nr. 636, s..u.), bei dem die Zargen in den eingeschnittenen Halsstock münden, der zusammen mit dem Oberklotz aus einem Stück gefertigt wurde. Die Bünde sind inequal gesetzt, wodurch eine Art mitteltöniger Stimmung intendiert war. Typisch für Thüringer Zistern ist der Saitenanhang aus in Haken mündende Eisendrähte, eine Erfindung, die wohl auf das Vorbild von Andreas Ernst Kram (Nürnberg 1718–1787) zurückgeht (vgl. Theorbenzister von 1767, Meininger Museen; Michel 1989, 77, Nr. 6).

Beim Instrument der Würzburger Sammlung handelt es sich um den bislang (2026) einzigen bekannten Fall einer Thüringer Zister (bzw. "Thüringer Zither"), die vom Erbauer auf dem Boden mit Beistift signiert wurde. Die Signatur gibt A. O. Annemüller an. Dem Namensregister des Standesamtes Schmiedefeld zufolge ist ein August Otto Annemüller Maurer gewesen, geboren am 18. Januar 1874 und gestorben am 8. Februar 1948.

In Paul de Wits Welt-Adressbuch wird er ab der Auflage von 1906 (206) unter Schmiedefeld bei Suhl gelistet als "Annemüller, Otto. Verf. v. Thüringer Volkszithern" (ferner de Wit 1912, 284, und 1925, 525; in der ersten Auflage von 1890 ist er noch nicht zu finden). 

Um 1900

Bleistiftsignatur auf der Innenseite des Bodens unter der Rosette:
"[Zeichen] | A. O. Annemüller | Schmiedefeld | bei | Sch[l]eusingen"

Gesamtlänge: 69,5 cm
Mit der Mensur von 352 cm firmiert das Instrument als eines in "Diskant"-Lage (Michel 1999, 108).

Korpus:
Korpuslänge:      32,9  cm (Außenkanten Oberklotz/Unterklotz), Oberklotz-Länge 62 mm   
Größte Breite: 24,6 cm

Zargenlänge: 40,9 cm + 1,2 cm = 42,1 cm (Basszarge), 41,1 cm + 0,9 cm = 42,0 cm (Diskantzarge)
Zargenhöhe: 5,3 … 5,1 cm
Zargenstärke:  1,4 mm
Balken:  oben Länge: 17,5 (15,8) cm,  liegende Jahre
    unten Länge: 24,1 (24,0) cm,  liegende Jahre
Lage von Oberklotz aus:  12,2/13,3 cm / 23,15/24,3
Unterklotz Breite: 8,5 cm; Stärke: 1 cm   

Decke aus Fichte mit über die Zargen knapp überstehendem Rand.
Parallele aufgemalte "Adern" am Rand, um das Schalloch und das Halbkreisornament hinter der Saitenanhängen; mit Lack abgesetzt.
Schalllochdurchmesser: 55,0 mm (horizontal durch Riss in der Decke auf 56,5 mm gedehnt)
Als Rosette ein aus rechteckigem Karton ausgestanzter achtzackiger Stern, mit Goldbronze bemalt auf blauem Hintergrund. Deckenrand mit zwei aufgemalten schwarzen Streifen. Steg aus schwarz geb. Linde mit eingelegtem Messingdraht. Zargen aus Fichte, dunkelbraunrot lackiert. Zargenhöhe: um 5,7 cm

Boden aus Fichte, dunkelbraunrot lackiert mit über die Zargen knapp überstehendem Rand. Aus zwei Teilen. Bodenstärke variierend zwischen 0,8 (unten rechts) und 3,0 mm oben)

Hals mit Wirbelkasten und Oberklotz aus einem Stück (Linde ?, schwarz gebeizt). Oberklotz in Korpus eingelassen. Wirbelkasten mit geschlossener Rückseite. 9 Wirbel aus schwarz gebeiztem Birnbaum.
Halslänge (ohne Wirbelkasten): um 18,0 cm
Halsbreite: am Korpus 1,98 cm, am Wirbelkasten 1,82 cm
Wirbelkastenlänge (ohne Hals): um 21,6 cm
Wirbelkastenbreite: 2,8 … 4,35 cm

Griffbrett (Linde (?), schwarz gebeizt, nur auf den Oberklotz und den Hals geleimt. 17 Bünde aus Eisen, in das Griffbrett eingelassen. 2, 5, 7, 12. und 17. Bundzwischenraum durch einen in das Griffbrett eingelegten Messingnagel unterhalb des höchst gestimmten Saitenchors markiert.
Die Bundstäbchen sind inequal gesetzt:
Messung vom Sattel zu Bund 1 bis 17 bei einer schwingenden Saitenlänge von 35,2 cm)
mm      cent (ca.)
 21,9        111
 37,3        194
 56,8        305
 72,0        396
 88,8        503
103,2       601
118,2       708
130,7.      803
143,3       905
154,3.      999
164,5     1090
176,0     1200
186,6     1307
194,8     1395
204,6     1507
212,8     1606
220,5     1704
Am Ende des Griffbretts bei der Rosette ein fünfblättriges Blumenornament, ebenfalls mit einem Messingnagel im Zentrum.
Größte Griffbrettlänge: 28,6 cm
Griffbrettbreite: 4,37 cm

Steg mit Messingdrahteinlage. Nicht original (zu hoch).

Das Griffbrett weist ein Klammerprofil auf, das mit dem von Instrument aus Leipzig Inv.-Nr. 3322 (s.u.) übereinkommt. (Profilzeichnung Michel 1999, 177), Photo (R 52): 14.7.2026, ow.

Besaitung: vier zweichörige Griffbrettsaiten und eine Begleitsaite.
Schwingende Saitenlänge: um 35,0 cm

Saitenhalter: Eisendraht, am Ende zu Haken geformt, durch Kanäle im Untersattel geführt und durch die Unterzargen in den Unterklotz gestiftet. 

Schäden (festgestellt Oktober 2010): (1) durchgehender vertikaler Riss durch die Mitte der Decke; (2) auf der linken Seite Ablösung des Bodens von der Zarge, in der Folge durch Verformungsspannung Riss in der Zarge (festgestellt Mai 2026): (3) Ein Splitter aus der Zarge (ca. 1,5 cm lang, 2 mm breit) ging verloren.

Restaurierung: Juli 2026 wurde im Rahmen einer konservatorischen Maßnahme durch Klaus Martius (Nürnberg) der Boden abgelöst, so dass der Blick ins Innere des Korpus und auf die Signatur und eine Messung der Deckenstärke möglich wurde. Das fehlende Zargenstück wurde ergänzt, die Spalte in der Decke ausgespant, Zargenkranz und Boden wieder zusammengeleimt und eine gedrehte Bassaite ergänzt. Restaurierungsbericht hier

Vergleichsinstrumente: Musikinstrumentenmuseum der Universität Leipzig, Inv.-Nr.: 636  (Thüringer Zister, Typ 2), auch: 635 (Crawinkel), genaue Erfassung hier; auch: Inv.-Nr. 3322 mit gleichen Klammerprofilen am Griffbrett 

Literatur: Andreas Michel: Studien zur Geschichte der Zister in Deutschland. Diss. Berlin 1989. – Thomas Jürgen Eschler: Die Sammlung historischer Musikinstrumente des Musikwissenschaftlichen Instituts der Universität Erlangen-Nürnberg, Wilhelmshaven: Florian Noetzel 1993, 48. – Andreas Michel: Zistern. Europäische Zupfinstrumente von der Renaissance bis zum Historismus, Universität Leipzig, Musikinstrumenten-Museum, Halle an der Saale: Stekovics 1999, 104-125 (Thüringer Zister); Internet-Supplement: Studia instrumentorum musicae (2001).

Provenienz: Aus der Sammlung Ulrich Rück.

{ow; 2019-02-26/2026-08-04}