Thüringer Zister von August Otto Annemüller, Schmiedefeld – R 52
Bei diesem Instrument handelt es sich um den bislang einzigen bekannten Fall einer Thüringer Zister (bzw. "Thüringer Zither"), die vom Erbauer auf dem Boden signiert wurde. Dem Namensregister des Standesamtes Schmiedefeld zufolge ist August Otto Annemüller Maurer gewesen, geboren am 18. Januar 1874 und gestorben am 8. Februar 1948. In Paul de Wits Welt-Adressbuch wird er ab der Auflage von 1906 (206) unter Schmiedefeld bei Suhl gelistet als "Annemüller, Otto. Verf. v. Thüringer Volkszithern" (ferner de Wit 1912, 284, und 1925, 525; in der ersten Auflage von 1890 ist er noch nicht zu finden).
Unter den von Andreas Michel herausgearbeiteten Bauformen (Michel 1999, 106f., 112) handelt es sich um Typ 2 (wie Vergleichsinstrument Leipzig, Inv-Nr. 636, s..u.), bei dem die Zargen in den eingeschnittenen Halsstock münden, der zusammen mit dem Oberklotz aus einem Stück gefertigt wurde. Die Bünde sind inequal gesetzt, wodurch eine Art mitteltöniger Stimmung intendiert war. Typisch für Thüringer Zistern ist der Saitenanhang aus in Haken mündende Eisendrähte, eine Erfindung, die wohl auf das Vorbild von Andreas Ernst Kram (Nürnberg 1718–1787) zurückgehen (vgl. Theorbenzister von 1767, Meininger Museen; Michel 1989, 77, Nr. 6).
19. Jahrhundert, Bleistiftsignatur auf der Innenseite des Bodens unter der Rosette:
"[Zeichen] | A. O. Annemüller | Schmiedefeld | bei | Schleusingen"
Gesamtlänge: 69,5 cm
Korpus:
Korpuslänge: 32,9 cm(Außenkanten Oberklotz/Unterklotz), Oberklotz-Länge 62 mm
Größte Breite: 24,6 cm
Zargenlänge: 40,9 cm + 1,2 cm = 42,1 cm (Basszarge), 41,1 cm + 0,9 cm = 42,0 cm (Diskantzarge)
Zargenhöhe: 5,3 … 5,1 cm
Zargenstärke: 1,4 mm
Balken: oben Länge: 17,5 (15,8) cm, liegende Jahre
unten Länge: 24,1 (24,0) cm, liegende Jahre
Lage von Oberklotz aus: 12,2/13,3 cm / 23,15/24,3
Unterklotz Breite: 8,5 cm; Stärke: 1 cm
Decke aus Fichte mit über die Zargen knapp überstehendem Rand. Als Rosette ein aus rechteckigem Karton ausgestanzter achtzackiger Stern, mit Goldbronze bemalt auf blauem Hintergrund. Deckenrand mit zwei aufgemalten schwarzen Streifen. Steg aus schwarz geb. Linde mit eingelegtem Messingdraht. Zargen aus Fichte. dunkelbraunrot lackiert. Zargenhöhe: um 5,7 cm
Boden aus Fichte, dunkelbraunrot lackiert mit über die Zargen knapp überstehendem Rand. Bodenstärke: um 0,20 cm
Hals mit Wirbelkasten und Oberklotz aus einem Stück (Linde ?, schwarz gebeizt). Oberklotz in Korpus eingelassen. Wirbelkasten mit geschlossener Rückseite. 9 Wirbel und Schnecke aus schwarz gebeiztem Birnbaum.
Halslänge (ohne Wirbelkasten): um 18,0 cm
Halsbreite: um 2,00 cm
Wirbelkastenlänge (ohne Hals): um 21,6 cm
Wirbelkastenbreite: 2,8 … 4,35 cm
Griffbrett (Linde (?), schwarz gebeizt, nur auf den Oberklotz und den Hals geleimt. 17 Bünde aus Eisen, in das Griffbrett eingelassen. 2, 5, 7, 12. und 17. Bundzwischenraum durch einen in das Griffbrett eingelegten Messingnagel unterhalb des höchst gestimmten Saitenchors markiert.
Die Bundstäbchen sind inequal gesetzt
Am Ende des Griffbretts bei der Rosette ein fünfblättriges Blumenornament, ebenfalls mit einem Messingnagel im Zentrum.
Größte Griffbrettlänge: 28,6 cm
Griffbrettbreite: 4,37 cm
Besaitung: vier zweichörige Griffbrettsaiten und eine Begleitsaite.
Schwingende Saitenlänge: um 35,0 cm
Saitenhalter: Eisendraht, am Ende zu Haken geformt, durch Kanäle im Untersattel geführt und durch die Unterzargen in den Unterklotz gestiftet.
Schäden (festgestellt Oktober 2010): (1) durchgehender vertikaler Riss durch die Mitte der Decke; (2) auf der linken Seite Ablösung des Bodens von der Zarge, in der Folge durch Verformungsspannung Riss in der Zarge (festgestellt Mai 2026): (3) Ein Splitter aus der Zarge (ca. 1,5 cm lang, 2 mm breit) ging verloren.
Restaurierung: Juli 2026 wurde durch Klaus Martius (Nürnberg) der Boden abgelöst, so dass der Blick ins Innere des Korpus und auf die Signatur ermöglicht wurde. Das fehlende Zargenstückchen wurde ergänzt.
Vergleichsinstrumente: Musikinstrumentenmuseum der Universität Leipzig, Inv.-Nr.: 636 (Thüringer Zister, Typ 2), auch: 635 (Crawinkel), genaue Erfassung hier; auch: Inv.-Nr. 3322 mit gleichen Klammerprofilen am Griffbrett
Literatur: Andreas Michel: Studien zur Geschichte der Zister in Deutschland. Diss. Berlin 1989. – Thomas Jürgen Eschler: Die Sammlung historischer Musikinstrumente des Musikwissenschaftlichen Instituts der Universität Erlangen-Nürnberg, Wilhelmshaven: Florian Noetzel 1993, 48. – Andreas Michel: Zistern. Europäische Zupfinstrumente von der Renaissance bis zum Historismus, Universität Leipzig, Musikinstrumenten-Museum, Halle an der Saale: Stekovics 1999, 104-125 (Thüringer Zister).
Provenienz: Aus der Sammlung Ulrich Rück.
{ow; 2019-02-26/2026-07-16}



