Kretische Lyra – Ch 29, De 571, Fos 50
κρητική λύρα. Die Kretische Lyra ist eine gestrichene Schalenhalslaute, die senkrecht gehalten und sitzend auf dem Oberschenkel oder zwischen den Schenkeln oder stehend vor der Brust abgestützt wird. Sie hat drei in Quinten gestimmte Saiten und ein bundloses Griffbrett. In ihrer Birnenform ist sie ein Abkömmling der byzantinischen Streichlauten aus dem 10. Jahrhundert, ähnlich der türkischen Fasıl kemençe, der bulgarischen Gadulka, der dalmatinischen Lirica oder der italienischen Lira calabrese. Die Lyra findet sich vor allem auf Kreta und den Inseln des Dodekanes. Sie wird zum Gesang in Ritornellen gespielt, begleitet von der Langhalslaute Laouto. Das Ensemble besteht in der Regel aus Männern. Es haben sich vier Größen bzw. Formen herausgebildet, die kleine liraki, die mittelgroße lira, die große vrodolira und die taillierte viololira, die der Violine ähnelt.
Der leicht gewölbte Boden (kafki = Schädel), der Hals (lemos) und die Wirbelplatte bzw. der Wirbelkasten (kefali = Kopf) bestehen aus einem Stück Hartholz, während die flache Decke aus einem separaten Stück Holz (oft Konifere) gefertigt wird und zwei D-förmige Schalllöcher (matia = Augen) aufweist. Drei Saiten aus Darm oder Stahl sind am oberen Ende an den Wirbeln (striftalia = Stimmer; früher hinterständige Sagittalwirbel, heute generell Gitarrenwirbel) befestigt; am unteren Ende an einem angeschraubten Saitenhalter. Eine Besonderheit der kretischen und dalmatischen Lyra, sowie der bulgarischen Gadulka ist ein Stimmstock (stilos, auch psihi = Seele), der durch das Schallloch auf der Diskantseite zwischen dem Boden und der rechten Seite des Stegs eingeklemmt wird, so dass der Steg ein klein wenig von der Decke abgehoben wird.
Ch 29
1990er Jahre
Kein Herstellervermerk
LBT 53.0 x 21.0 x 4,5 cm
(T: nur Korpus)
3 Saiten
Mensur ca 28,5 cm
Gitarrenwirbel (2 Paar)
Bogen, L 64,5 cm
Tasche aus schwarzem Kunstleder
Herkunft: Schenkung von Michael Christof (Ochsenfurt), 11. Dezember 2025
De 571
Keine Herstellersignatur, 20. Jh.
LBT 56 x 18 x 6 cm
Wirbelkanäle und Steckwirbel nicht original, zuvor Gitarrenmechanik
Bogen fehlt.
Herkunft: Dr. Marion Franz und Fritz Degel (Blieskastel), Juli 2021
Das Instrument wurde in der Ausstellung MUS-IC-ON! Klang der Antike 2019-2020 im Martin von Wagner Museum gezeigt.
Fos 50
Lyra, Rhodos 1972 (mitgebracht von Wolf Dietrich, der mit Prof. Dr. Kurt Reinhard im nahen Osten unterwegs war)
LBT 44,5 x 13,9 x 6,0 cm
Aus einem Stück Holz
Rand der Decke und des Halses mit ausgestemmtem Stufenmuster abgesetzt
3 Saiten
3 hinterständige Wirbel
Vierkantiger Stimmstock, der unter dem rechten Stegfuß zum Boden hin eingeklemmt wird
Herkunft: Bengt Fosshag (Rüsselsheim), 9. März 2026
Literatur: Margaret Anne Downie: The Modern Greek Lyra, in: Journal of the American Musical Instrument Society 5/6 (1979/1980), 144-165. – Brandl, Rudolf Maria Brandl und Diether Roderich Reinsch: Die Volksmusik der Insel Karpathos: die Lyramusik von Karpathos. Eine Studie zum Problem von Konstanz und Variabilität instrumentaler Volksmusik am Beispiel einer griechischen Insel, 1930–1981, Göttingen: Ed. Re 1992. –Margaret Downie Banks: Lira [lyra], in: Laurence Libin (Hg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments, second edition, Oxford und New York: OUP 2014, Bd. 3, 291-292.
{ow; 2021-12-21/2026-06-22}



