Dhodro banam
De 395, De 563, De 565, De 566, De 570, De 583, De 584, De 585, De 642, Fos 36, Fos 37, Fos 38, Fos 39, Fos 40, Fos 41, Fos 42, Fos 43, Fos 44, Fos 45
Streichlaute, Nordostindien oder Nepal, 20. Jh.
Die mit der Sārindā verwandte Streichlaute bei den Santal, einem Volk im Nordosten Indiens und Süden Nepals, heißt dhodro banam (wörtlich „hohles Saiteninstrument“). Das Instrument besitzt meistens eine Saite, ist ca. 70 bis 100 Zentimeter lang und besteht aus einem oft rechteckigen Korpus, einem kurzen Hals und einem dominierenden figurenverzierten Kopfbrett. Wie bei der Sārindā, der Dotārā und anderen indischen und indopazifischen Lauten sind Korpus und Hals aus einem Stück Holz gearbeitet (monoxyl) und nicht zusammengesetzt. Mit der Sārindā teilt sie das morphologische Merkmal eines zweigeteilten Resonanzraums, dessen oberer Teil offen ist.
Die Instrumente mit ihren Darstellungen und Verzierungen waren von kultischer Bedeutung. Die Legende besagt, dass das Holz der dhodro banam (guloic) aus einem Menschen entstanden sein soll, woraus sich die Symbolik des Aufbaus erklärt. Der untere, mit einer Decke aus Tierhaut abgedeckte Teil des Schallkörpers steht für den Unterkörper, der offene obere Teil für die Brust, der Hals entspricht dem menschlichen Hals und der in der Regel hinten offene Wirbelkasten dem Kopf. Die Saite wird über einen Kanal meist unter dem Kinn zum Wirbel geführt, seitlich sitzt der Wirbel im Ohr oder Gehörgang. Die Figuren auf der Kopfplatte stellen meist Menschen dar, seltener können auch Tiere dargestellt sein. Ein beliebtes Motiv für Kopfplatten der dhodro banam sind Tänzerinnengruppen in Reihen.
In der Industrialisierungsphase Indiens hat die Bedeutung der tribalen Traditionen massiv abgenommen. Die Kunst der lokalen Schnitzer ging nahezu verloren. Es gibt jedoch Revival-Projekte (vgl. Beltz 2025).
Sārindā – De 395
Der Korpusform nach handelt es sich um eine Sārindā mit 3 Saiten, die eine Kopfplatte nach Art einer Dhodro banam trägt.
LBT 90 x 22,5 x 11,5 cm; Kopfplatte: 27 x 22 x 3,5 cm
Reste der Fellbespannung im unteren Bereich (Bauch/Unterleib)
Der Sarindaform gemäß frontal geöffneter Wirbelkasten. Bohrungen für 3 Wirbel.
Auf der Kopfplatte vier Tänzerinnen, darüber ein Boot mit einer dreiköpfigen Familie (Vater, Mutter, Kind in der Mitte).
Herkunft: Dr. Marion Franz und Fritz Degel (Blieskastel), Juli 2022
Dhodro banam – De 563
LBT 112,5 x 15 x 11 cm; Kopfplatte: 43 x 16,5 x 2 cm
Die beschnitzte Korpusrückseite ist wie die zusammengelegten Flügel eines Vogelkörpers gestaltet, der Wirbelkasten ist zur Vorderseite hin als menschliches Gesicht geformt. Im unteren Teil des Resonators fehlt die Decke, im freien Teil des Resonators, dem Brustkorb, ist eine weibliche Figur mit Herzform über dem Kopf und auf dem Solarplexus ruhender rechter Hand herausgearbeitet. Aus der großen Kopfplatte sind zwei Reihen von je vier Tänzerinnen herausgearbeitet.
Herkunft: Dr. Marion Franz und Fritz Degel (Blieskastel), Juli 2022
De 565
LBT 72 x 13 x 9 cm
Bohrungen für 2 Wirbel im Wirbelkasten
2 Saitenkanäle zur Vorderseite und zum unteren Abschluss des Wirbelkastens hin
Im unteren Resonanzraum lateral je vier weitere Bohrungen
Kopfplatte mit drei nebeneinanderstehenden Menschen
Herkunft: Dr. Marion Franz und Fritz Degel (Blieskastel), Juli 2022
De 566
LBT 76 x 12 x 7,5 cm; Kopfplatte: 15 x 12 x 7 cm.
Bohrungen für 2 Wirbel im Wirbelkasten
2 Saitenkanäle zur Vorderseite hin
Über dem Wirbelkasten je 4 Tänzerinnen nach vorne und zur Rückseite hin. Aufgrund der abweichenden Ornamentik und der Form mit dem relativ schlanken Hals vermutet Bengt Fosshag, dass es sich um ein Instrument der Naga-Gruppe handeln könnte.
Herkunft: Dr. Marion Franz und Fritz Degel (Blieskastel), Juli 2022
De 570
LBT 82,5 x 15 x 13 cm
Kopfplatte beidseitig beschnitzt
Vorderseite: Zwei schnäbelnde Tauben über einem Menschen mit zusammengelegten Händen
Rückseite: Blume
Das Instrument war Teil der Ausstellung "Musical Animals & Instruments", Würzburg, Residenz, September 2023.
Herkunft: Dr. Marion Franz und Fritz Degel (Blieskastel), Juli 2022
De 583
LBT 76 x 12 x 7,5 cm
Wirbelkasten nach vorne offen
Wirbel und Saite vorhanden, Steg fehlt
Aufgenagelte originale Fellbespannung
Kopfplatte: 2 Reihen mit je 5 Tänzerinnen übereinander
Herkunft: Dr. Marion Franz und Fritz Degel (Blieskastel), Juli 2022
De 584
LBT 71 x 14 x 10 cm
Sehr langer, seitlich getrennter Hals
Ein Wirbel
Motiv: Kopf mit Ohrschmuck. Darüber kleinerer Kopf
[Das Instrument wurde am (Fr) 23. Januar 2026 in einem Workshop am "Tag der offenen Tür" der Musikwissenschaft am Institut für Musikforschung Würzburg zusammen mit Schülern mit Haut (Ziege) bespannt. Das getrocknete Fell wurde eine Woche später zurechtgeschnitten. Vorbereitet wurden Holznägel und ein Wirbel aus mit Mooreiche und beigemischter Tusche gebeizter Buche. Die Holznägel wurden nach zwei noch vorhandenen Nägeln aus Buche geformt. Der originale Nagel rechts/fünf (von oben) zerfiel bei der Ablösung, weil er porös war. Als Wirbel wurde ein Buche-Rundstab zurechtgeschnitzt und ein Saitenanhangkanal eingebohrt. Als Saite aufgezogen wurde eine Schnur, als Steg wurde behelfsweise ein quergestellter Banjosteg benutzt, der mit einem Fuß auf dem Korpus, mit dem anderen auf der Decke aufsitzen kann. Als Bogen dient ein mit schwarzem Rosshaar besaiteter Bogen nach europäischem Vorbild (ebenfalls Franz/Degel; Zuordnung unklar).]
Herkunft: Dr. Marion Franz und Fritz Degel (Blieskastel), Juli 2022
De 585
LBT 80 x 11 x 10 cm
1 Saite
Wirbelkasten als Kopf mit darüberstehender Tänzerin
Das Instrument war Teil der Ausstellung "Weltmusik in Bildern" (Weltladen Würzburg, 7. Februar – 6. März 2024)
Herkunft: Dr. Marion Franz und Fritz Degel (Juli 2021)
Dotārā – De 642
Nordindien, kulturelle Zuordnung unklar (Santal?). Der Form des Resonators nach handelt es sich um eine Dotārā.
LBT 79,0 x 17,4 x 8,2 cm
Aus einem Stück Holz (Teak)
Daraus ausgeschnitzt der frontal offene Wirbelkasten, rechts darunter eine Öffnung für die rechte Hand (zum Greifen der Saite) und der Resonanzraum
1 Saite
Runder Wirbel
Korpus und Kopfplatte als eine Fläche
Geschnitzte Motive: auf dem Kopf drei Tänzerinnen;
auf der Decke Tiermotive (Pfau, Vögel mit langem Hals, kleiner Vogel von vorne, Fische, Krabbe, Frosch, Hasen;
auf der Rückseite oben: achtblättrige Blüte;
auf der Rückseite unten (Resonator): Gesicht
auf der Seite: Ornament aus ineinander verschränkten Wellen
Resonator mit Tierhaut bespannt (Ziege); das Fell war ursprünglich über die Tiermotive gespannt und wurde später reduziert und mit Nägeln um den Resonator fixiert, um diese freizulegen.
Bogen: nicht vorhanden
Herkunft: Dr. Marion Franz und Fritz Degel (Blieskastel), Juli 2022; De 642: Oktober 2025
Fos 37
LBT 76,3 x 8,0 x 9,1 cm
Sehr schmales Instrument, Hals und Korpus fast gleich breit
Über dem nach vorne offenen Wirbelkasten 2 Figuren (Tänzerinnen?)
1 Wirbelkanal
Ritzmuster, stilisierte Blüten und Sonnen
Vgl. Dietrich/Fosshag 1992, 82 und 87, Kat.-Nr. 40
Herkunft: Bengt Fosshag (Rüsselsheim), 9. März 2026, erworben 1991 im deutschen Kunsthandel
Fos 39
LBT 77,3 x 18,0 x 9,0 cm
Korpushohlraum dreigeteilt in Mitte und zwei Flügel
Gruppe von 4 Köpfen über den Wirbeln
Schnitzornamente auf Hals und Wirbelkasten
Fischmotiv auf beiden Seiten des Korpus
Wirbelkasten frontal offen, aufgeschraubt
2 Wirbelkanäle
1 Wirbel und Saite erhalten
Herkunft: Bengt Fosshag (Rüsselsheim), 9. März 2026
Fos 40
LBT 79,5 x 13,3 x 10,0 cm
Wenig Einzug zwischen den Segmenten
Über großem Kopf 4 Tänzerinnen (mit anderer Patina, möglicherweise später ergänzt)
Saite kommt aus dem Mund
Hals ist eckig und weist einen Scheitelgrat auf, der sich bis in den Korpus zieht.
Hals und Korpus strukturiert durch Kreisornamente (Blüten/Sonnen)
Bespannung aus festgedübelter Reptilhaut
Steg erhalten
Vgl. Dietrich/Fosshag 1992, 75 und 78, Kat.-Nr. 35
Herkunft: Bengt Fosshag (Rüsselsheim), 9. März 2026, erworben im deutschen Kunsthandel 1992
Fos 41
LBT 76,0 x 13,6 x 10,5 cm
5 Tänzerinnen über großem Frauenkopf, Rückseite der Tafel: Reiterfigur als Relief
Rückseite des Korpus: zwei sich kreuzende Bänder
Der Wirbelkasten ist an den Hals angesetzt (Fuge, genagelt)
Linke Wand des Resonators und Boden abgebrochen und verloren
Zum bau- bzw. umbaugeschichtlichen "Schicksal" dieses Instruments vgl. Fosshag [2025], 19-22.
Herkunft: Bengt Fosshag (Rüsselsheim), 9. März 2026
Fos 42
LBT 70,5 x 11,0 x 8,5 cm
Wirbelkasten, gestaltet als großer Kopf mit bedrohlichem Gesichtsausdruck. Darüber, nach hinten gerichtet, zwei Frauen, die sich an den Händen halten, und (seitlich) ein nackter Mann, der einer der Frauen auf die Schulter greift. Unter den Frauen zwei Köpfe.
An den Seiten: Skelett-Mann mit ausladender Frisur und rundköpfiger Dämon.
Frontal befindet sich über dem Gesicht eine rechteckige Nische, deren Funktion unklar ist.
Korpus vollständig mit Ornamenten beschnitzt.
Rechte Korpuswand gerissen und mit Ton gestopft.
Zur reichen und außergewöhnlichen Gestaltung dieses Instruments vgl. Fosshag [2025], 3-8.
Herkunft: Bengt Fosshag (Rüsselsheim), 9. März 2026
Fos 43
LBT 72,2 x 14,5 x 10,0 cm
Wirbelkasten in Kopfform für zwei Wirbel.
Als Abschluss ein Brett mit Aussparung, möglicherweise für Spiegelglas. Die Saiten treten untereinander aus Mund und Kinn aus.
Vertikales Gitter (Längsleisten) über dem oberen Teil des Resonanzraums.
Hautbespannung auf dem unteren Teil des Resonanzraums erhalten.
Unterer bedeckter Teil durch starken Einzug abgesetzt.
Ritzmuster und Sonnen.
Vgl. Dietrich/Fosshag 1992, 73 und 78, Kat.-Nr. 34
Herkunft: Bengt Fosshag (Rüsselsheim), 9. März 2026, erworben 1991 im deutschen Kunsthandel.
Fos 45
LBT 61,5 x 12,8 x 7,1 cm
Ohne jegliche Dekoration
Herkunft: Bengt Fosshag (Rüsselsheim), 9. März 2026
Literatur:
Onkar Prasad: Santal Music. A Study of Pattern and Process of Cultural Persistence, New Dehli: Inter-India 1985.
Wolf Dietrich und Bengt Fosshag: Außereuropäische Lauten: Werkzeug & Kunstwerk. Sammlung Bengt Fosshag, Rüsselsheim: Verlag Brigitte Fosshag 1992.
Bengt Fosshag: Die Sārindā und ihre Verwandten. Formen und Verbreitung einer Familie von Streichinstrumenten in den Ländern des Islam und benachbarten Regionen, in: Zeitschrift für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften 11 (1997), 281-306.
Bengt Fosshag: Rabab Sarangi Sarinda & Verwandte. Sammlung Bengt Fosshag, Rüsselsheim 2012. (PDF)
Bengt Fosshag: The dhodro banam: Article on a bowed instrument played by the Santal and its distant relatives in Iran, Pakistan, Nepal, India and Central Asia, auf: Tribal Cultural Heritage in India 09/12/2021.
Wikipedia, Art. Banam.
François Pannier und Adrien Viel: Instruments de musique Santal et népalais, panneaux de palanquins Santal. Collection François Boulanger et Françoise Bouhière & Collection Annick Cical, Paris: Association pour le rayonnement des cultures himalayennes 2022. (PDF)
Bengt Fosshag: Der Versuch, mit indisch, nepalesischen Musikinstrumenten zu kommunizieren, [Rüsselsheim 2025] (PDF).
Johannes Beltz: Klang und Nachhall einer indischen Instrumentensammlung. Ein Beitrag zum kollaborativen und nachhaltigen Sammeln, Forschen und Ausstellen, in: Thilo Hirsch, Marina Haiduk und Thomas Gartmann (Hg.): Rabab, Rubeba, Rubab. Fellbespannte Streichinstrumente im historischen und kulturellen Kontext, Baden-Baden: Ergon 2025 (Musikforschung der Hochschule der Künste Bern, Bd. 20), 301–318, open access: https://doi.org/10.5771/9783987402302.
Video: Daricha Foundation: Tribal music of West Bengal – the Dhodro and Huka Banam of the Santals (2018; YouTube).
{ow; 2025-07-03/2026-02-05/2026-05-07}



