Gamben von Peter Harlan – De 372, StW 56
Peter Harlan (1898–1966), Bruder des Nazi-Filmregisseurs Veit Harlan, war bereits im Alter von zehn Jahren in der Wandervogel-Bewegung aktiv und fand dort seine Begeisterung am Instrumentenbau. Nach der Entlassung aus dem Kriegsdienst 1918 ging er in die Lehre und machte sich 1921 in Markneukirchen selbständig. Aus Michael Praetorius' Syntagma musicum II gewann er Modelle für den Bau eigener Instrumente, die der Wiederbelebung alter Musik dienen sollten. Harlan unterhielt in den 1920er und 30er Jahren drei Werkstätten, in denen ausgebildete Handwerker ein Instrumentarium des zu revitalisierenden Spätmittelalters und der Renaissance bauten: Blockflöten (kopiert von einem Blockflötensatz, den er in Haslemere von der Firma Dolmetsch erworben hatte), Lauten, Gamben, Violen, Spinette, Clavichorde und Radleiern. Für die Gambe versuchte Harlan eine fließend taillierte (nicht mit mit Mittelbogen versehene) Form norditalienischer Gamben des 17. Jahrhunderts wieder zu etablieren, wovon diese Instrumente zeugen. Sie wurden in den 1930er Jahren für den Instrumentenvertrieb im "Alte-Musik"-Sektor des Bärenreiter-Verlags Kassel gebaut.
In den 1920er Jahren ging Harlan mit Edgar Lucas und Ernst Duis, anschließend (1930 bis 1933) mit Cora Auerbach und Hanning Schröder ("Harlan-Trio", auch "Freiburger Kammertrio für alte Musik") auf Konzertreisen, bei denen für seine Instrumente geworben wurde. Schon vor dem Ende des zweiten Weltkriegs pachtete Harlan die Burg Sternberg (Kreis Lippe, NRW), die ab 1935 von der Hitlerjugend als Schulungsstätte und als "Bräuteschule" für die SS Verwendung fand. Auf der Burg baute er rasch eine neue Werkstatt auf. Als neues Instrument versuchte Harlan ab 1943 seine historisch inspirierte – aber keinem historischen Vorbild folgenden – Fidel, einer Gambe in allen Stimmlagen, populär zu machen, vor allem in Selbstbau-Lehrwochen. Ihm folgte unmittelbar Karl Frank (Mittenwald/Vlotho, vgl. De 446 und StW 58), der sicherlich nicht zufällig ab 1955 eine Anstellung am Jugendhof Vlotho (Ostwestfalen-Lippe) gefunden hat, wo die Fidel zu einem Musikerziehungsinstrument weiterentwickelt wurde. 1949 konnte Harlan eine Musikschulungsstätte etablieren. Heute ist auf Burg Sternberg ein "Klingendes Museum" mit Harlans Instrumenten eingerichtet.
Eine Formübersicht zur historischen Entwicklung der Gamben konnte Harlan z.B. aus Rühlmann (1882: Atlas) gewinnen. Zur historischen Kenntnis der Gambe zum Zeitpunkt der Herstellung dieses Harlan-Instruments vgl. Ziegert (1932), der über die Wiederbelebung des Instruments (S.111) sinniert hat – zunächst aus der Perspektive des musikpraktisch dominierenden Streichquartetts, dann mit Blick auf dilettierende Musikanten: „Immerhin ist die Frage noch offen: wird die Gambe die breitere Öffentlichkeit wieder erobern, oder wird sie ein Leckerbissen nur für den Kenner der historischen Musik bleiben, der fähig ist, den leisen vibrierenden, spinnenden süßen Gesangston der alten Kniegeige zu hören und den Geschmack der Ahnen nachempfinden zu können?“
De 372
Peter Harlan-Werkstätten (Markneukirchen) 1932.
Zettel: "Kassel 1932 | Bärenreiter-Instrument | gebaut in den Peter Harlan-Werkstätten"
Hersteller-Brandstempel in Gitarrenform über die Verbindung von Hals zu Korpus/Boden auf der Rückseite
LBT 100 x 27 x 12 cm
Saitenhalter mit Draht eingehängt
6 Saiten (defekte Saiten November 2021 ersetzt durch Tenorgambensaitensatz von "Savarez" für eine Mensur von 48 cm; [Darm a-d'-g'; Darm mit Kupferumspinnung G-c-F])
Schwingende Saitenlänge: 58 cm (das Maß liegt zwischen den heute üblichen schwingenden Saitenlängen von Alt- (48 cm) und Tenorgambe (68 cm)
Fehlender Steg November 2021 ergänzt aus zurechtgeschnittenem Standardstegrohling für Altgambe
Schäden: kleiner Riss in der rechten Zargen-Taille ca. 1 cm über dem Boden; von der Zarge gelöster Boden (November 2021 mit Fischleim fixiert); Kratzspuren auf der Decke, auf den Zargen und auf dem Boden.
372 b: Bogen 2021 ergänzt durch Gewa Fiddle/Viola da Gamba Bow (Stange: Massaranduba; Frosch: Ebenholz, Gesamtlänge 70,5 cm; Haarlänge: 62,5 cm; Gewicht: 54 g).
Herkunft: Dr. Marion Franz und Fritz Degel (Blieskastel), Juli 2021
StW 56
Harlan-Werkstätten, 1937
Zettel: "Kassel 1937 | BÄRENREITER-INSTRUMENT | KASSEL-WILHELMSHÖHE | gebaut in den Peter Harlan-Werkstätten"
Hersteller-Brandstempel in Gitarrenform über die Verbindung von Hals zu Korpus/Boden auf der Rückseite (wie De 372)
LBT 100 x 27 x 9,5 cm
Saitenhalter mit Draht am Schaft des Stachels eingehängt
6 Saiten [Darm a-d'-g'; Darm mit Stahlumspinnung G-c-F])
Mensur 53,8 cm;
Schwingende Saitenlänge: 58 cm
Stachel mit Schaft und Stellschraube (später angebracht?)
Zubehör: Gamben-Bogen; braune Stofftasche
Schäden: Kratzspuren auf dem Rand (durch den Reißverschluss der originalen Stofftasche). Risse in der unteren Zargenwand, ausgehend vom Stachel, zu beiden Seiten hin.
Herkunft: Schenkung von Cornelia Kraft (Herrsching), 30. Mai 2026. Vormals im Besitz der Musiklehrerin Sabine Krüger (Lochschwab), die in den 1930er Jahren als Cembalistin tätig war und später Klavier- und Blockflötenunterricht gab. Krüger hatte zusammen mit der Mutter der Stifterin bei Herrn Gebhardt das Musiklehrerseminar in München besucht.
Literatur:
Julius Rühlmann, Die Geschichte der Bogeninstrumente, insbesondere derjenigen des heutigen Streichquartettes, von den frühesten Anfängen an bis auf die heutige Zeit, Bd. 1: Eine Monographie, Bd. 2: Atlas, Braunschweig 1882. – Max Ziegert, Die Gambe, in: Zeitschrift für den Instrumentenbau 53 (1932/33), S. 108–111. – Cornelia Schröder-Auerbach: Art. "Harlan, Peter", in: MGG1, Bd. 16 (Kassel 1976), Sp. 596f. – Dieter Gutknecht: Studien zur Geschichte der Aufführungspraxis Alter Musik. Ein Überblick vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg, 2. erweiterte Aufl., Mainz: Schott 1997 (open access). –
{ow; 2021-11-24; 2026-06-04}



