"Böhm-Waldzither" von Georg Walther (GEWA, Mittenwald) – De 313
Zisterntyp von C. H. Böhm (Hermann Christoph Christian Böhm, 1863–1934), patentiert als Reichs-Gebrauchsmuster (D.R.G.M.) 77344 – der morphologische Zistertyp – und 80548 – die Fächer-Schraubmechanik, angelehnt an die britische Preston-Mechanik. Böhm begann 1897 mit der Vermarktung der sog. Waldzithern (auch "Waldolinen") in Hamburger Bauart (Michel 1999, 134), die in verschiedenen Modellen in großer Stückzahl produziert und vermarktet werden konnten. Er konnte das Instrument erfolgreich (über gedruckte Schulen, Liederhefte und Unterrichtskurse mit zur Verfügung gestellten Leihinstrumenten) als deutsches Nationalinstrument propagieren. Als gebürtiger Meiniger hat er sein Instrument als Weiterentwicklung der Thüringer Waldzither begriffen (vgl. auch die ältere "Thüringer Cister", R 52, die möglicherweise eher ein Vogtländisches Instrument ist). Die Mensur des ältesten überlieferten Böhm-Instrumentes von 1897 (41,3 cm) ist identisch mit der einer Thüringer Zither von 1884 aus Meiningen, die im Besitz der Meininger Museen ist. Dass Böhm Inspirationen von der portugiesischen Gitarre bezog, erwähnte er nicht (vgl. De 228, auch Mandriola De 234, De 641; Böhms Modelle Nr. 3 und 4 übernehmen sogar das dekorative Element der Schnecke von der Guitarra portuguêsa).
Böhm schrieb im Vorwort zu seinen Liederheften unter dem Titel Grillenscheucher (1908/1909), das in seinen folgenden Publikationen weiterverwendet wurde, folgende Sätze: "Es ist eine unbedingte Notwendigkeit, daß der Deutsche zu seinen Liedern auch ein echt deutsches Begleitinstrument besitzt. Wie der Spanier seine Gitarre (fälschlich Laute genannt), der Italiener seine Mandoline, der Engländer das Banjo, der Russe die Balalaika usw. sein Nationalinstrument nennt, so sollte der Deutsche seine Laute, die Waldzither, welche schon von Dr. Martin Luther auf der Wartburg im Thüringer Walde (daher der Name Waldzither) gepflegt wurde, zu seinem Nationalinstrument machen.“ Der Name Waldzither ist seit der Mitte des 19. Jahrhunderts belegt (z.B. in den Erzählungen von Ludwig Bechstein, vgl. Michel, Studia instrumentorum musicae -> Zistern). Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde eine terminologische Abgrenzung von der Alpenzither (Tischzither) erforderlich, die auch in Thüringen zunehmend populär wurde. Bis dahin hieß das Instrument "Zither", "Thüringer Zither" (vgl. die frühesten erhaltenen Schulen von "H. v. A." 1861 und P. Möller 1895), oder "Lutherzither". Der Zusatz "Wald-" rührt wohl daher, dass das Instrument zu dieser Zeit eigentlich fast nur noch im Thüringer Wald gebaut und gespielt wurde, womit der Thüringer Böhm, als er den Namen in Hamburg aufgriff, vertraut war. Die Assoziation des Namens "Waldzither" mit der deutschen Romantik kam der Vermarktung sicherlich entgegen. Für Jugendliche oder junge Erwachsene wurde das Instrument erst nach dem ersten Weltkrieg attraktiv, wie Fotos von Böhm's Waldzither-Verein aus der Zeit vor dem Krieg belegen (Hinweis von N. Feinendegen).
Eine Besonderheit von Böhms Instrumenten waren ab 1900 Stege aus Glas. Ab den 1920er Jahren wurde der Zistertyp auch von Instrumentenbauern aus dem Vogtland imitiert und z.B. im Ruhrgebiet aufgrund des Namensschutzes als "Bergarbeiter-Instrument" verkauft. Nach Böhms Tod führte sein Sohn Ernst Wilhelm (1896–1935) die Produktion kurzzeitig fort. 1941 erwarb der Musikinstrumentenfabrikant Georg Walther aus Adorf (Vogtland) die Firma von Böhms Witwe Margaretha Caroline. Die Firma GEWA stellte bis in die 1960er Jahre hinein weiter „echte” Böhm-Waldzithern her, wobei zunächst Restmaterialien (z.B. die originalen Fächer-Schraubmachaniken) aufgebraucht wurden, bzw. noch vorhandene Glasstege verwendet wurden, die später durch Ebenholz-Holzstege ersetzt wurden. Der schwarze Zettel mit nicht ausgefülltem Feld ist ein Indiz für eine spätere GEWA-Produktion (zu den Signaturen siehe Feinendegen).
"Böhm-Waldzither", Georg Walther (Firma "Walthari" bzw. "Walthari"), Mittenwald, 1950er oder 1960er Jahre
Zettel auf dem Boden unter dem Schallloch (schwarz/weiß): "Böhm-Waldzither | Gesetzlich geschütztes Warenzeichen | Verkauf der echten | „Böhm-Waldzither” | [leeres Feld] | Vor Nachahmungen wird gewarnt!”
LBT 69,0 x 32,5 x 7,5 cm
Fächermechanik mit einfachen Schraubenköpfen, spät (GEWA-Mechanik)
9 Saiten (1 Bass-Saite, 4 doppelchör. Saitenzüge)
Mensur: 46,5 cm
19 Bundstäbchen, Sattel als "Nullbund"
Ebenholzsteg (werksseitig)
Zubehör: alternativer Glassteg (wohl zusätzlich erworben).
Schäden: Kratzer auf der Decke
Herkunft: Dr. Marion Franz und Fritz Degel (Blieskastel), Juli 2022
Literatur: Paul de Wit: Weltadreßbuch der gesamten Musikinstrumenten-Industrie, Leipzig 1909, 125 und 1055. – Wikipedia: C. H. Böhm. – Wikipedia: Waldzither. – Andreas Michel: Zistern. Europäische Zupfinstrumente von der Renaissance bis zum Historismus (Instrumentarium Lipsiense, Halle: Stekovics 1999, 130-145. – Andreas Michel: Zister, in: ders.: Studia Instrumentorum Musicae. – Maren Goltz: Die Musikinstrumenten-Sammlung der Meininger Museen. Vollständiges Bestandsverzeichnis mit ausführlicher Dokumentation, Meiningen: Meiniger Museen 2012 (PDF) – Norbert Feinendegen: Die Waldzithern von C. H. Böhm, 2015, Link. (dort die Subseite zu den Signaturen). – Verein der Freunde und Förderer der Waldzither e. V.: Die Waldzither – die deutsche Cister, 2025.
Die Waldzithern von C. H. Böhm
Mehr Infos: https://c-h-bohm-waldzithern.webnode.page/
{ow; 2024-09-28/2026-05-25; für Hinweise von Norbert Feinendegen sei herzlich gedankt}



