Sarinda – Fos 21–24, Fos 56
Die sārindā – auch geychak, sāraṅgā, surindā (Rajastan), surando (Pakistan), sarang, sorud, soruz (Belutschistan) – ist eine Streichlaute aus Süd-Afghanistan (Paschtunen und Balutschi), Pakistan und Südasien mit Nepal. Sie wird aus einem Stück Holz herausgearbeitet. Der Korpus ist herz- bis ankerförmig: meist oben breit, unten spitz zulaufend, auf der Rückseite abgerundet. Ihr Erscheinungsbild kennzeichnen tiefe Flankeneinzüge, die den Korpus in zwei Segmente teilen, deren schmales unteres von einer Haut eines Säugetiers oder Reptils bedeckt ist. Das große offene obere Segment wirkt wie ein Schalltrichter (Bor 1986, 13).
Die Flankeneinzüge dieses Instrumententyps dienen einer größeren Bewegungsfreiheit des Streichbogens, der fast zeitgleich im 9./10. Jahrhundert musikikonographisch im islamisierten Zentralasien (Tadschikistan, Palast von Ḫuttal/Хуттал) und im arabischen Musikschrifttum bei Abū Nasr al-Fārābī († 339/950) auftaucht (Bachmann 1964, 35). Die Belege lassen darauf schließen, dass der Streichbogen bereits zu einer brauchbaren Form gefunden hatte und dann wiederum Korpusveränderungen an zuvor gezupften Lauteninstrumenten angeregt hat. Dazu gehört prominent die sārindā-Familie.
In der Regel spannen sich drei oder vier Saiten von Flankenwirbeln über einen Steg zu einem Dorn unten, der angeschnitzt, aber auch als ein Stück Knochen eingesetzt sein kann. Ostindische Instrumente nutzen oft ein Stück durchbohrtes Aluminiumblech als Saitenhalter. Der deutlich abgesetzte Hals verjüngt sich in der Regel zum Wirbelkasten hin, der meist halbrund geformt ist. Den Wirbelkasten schließt oft eine schwungvolle Form ab, auch Tierformen können als Bekrönung dienen. Die Größe der sārindā-artigen Lauten variiert stark.
Fos 21
Afghanistan
LBT 64.3 x 27,4 x 16,3 cm
Länge Korpus 34,3 cm
Länge Hals 8,0 cm
Länge Wirbelkasten 22,0 cm
Locke als Aufbau
Korpus beschnitzt und mit Punzierungen (Kreis-Punkt-Muster) verziert
8 Flankenwirbel im Wirbelkasten
2 Wirbelkanalbohrungen links im Hals
1 Wirbel mit Resonatorsaite erhalten, der obere verloren
Front: fünf in Kunststoff eingefasste Spiegel, in Kreuzform angeordnet
Als Einfassung um die Spiegel abwechselnd rote und grüne Wollbüschel
Quasten und Kunststoff-Perlendecke hinten am Halsabschluss
Anhängend: Stoffbeutel mit Stahlsaiten
Fos 21a: dunkel gebeizter Bogen mit 9 Messingschellen am Griff, Länge 65,5 cm
Typisch für die westliche sārindā ist der ovale Korpus mit spitzauslaufenden Enden der beiden Korpushälften, die in die Taille ragen. Der Rücken ist stark gewölbt.
Herkunft: Bengt Fosshag (Rüsselsheim), erworben 1995 im deutschen Kunsthandel; Schenkung an die Studiensammlung Musikinstrumente & Medien der Universität Würzburg am 9. März 2026
Fos 56
Sārindā, Afghanistan (?), frühes 20. Jh.
LBT 66,0 x 17,5 x 17,2 cm
Korpus Länge 32,5 cm
Korpus und Hals aus einem Stück Holz
Schultern gerade abgeschnitten (nach Art einer sāraṅgī )
Wirbelkasten angesetzt und verdübelt
Ein aufgesetztes, mit Intarsien (neu) bearbeitetes Brett läuft über den offenen Teil des Korpus bis zur Verbindungsstelle der Korpussegmente
Aufgeleimte Ziegenhautdecke über dem unteren Korpussegment
Im Inneren des gedeckten Segments ist ein Stock zwischen Verbindungssteg und Korpusende eingesetzt
Wirbelkasten eckig, mit Wirbelkanalbohrungen für folgende Flankenwirbel:
3 Wirbel für Spielsaiten
4 Wirbel für Resonanzsaiten in der linken Seite des Wirbelkastens (1 Wirbel fehlt)
5 Wirbel für Resonanzsaiten in der rechten Seite (1 fehlt)
Über dem Wirbelkasten ein nach hinten geschwungener Aufsatz mit 4 Wirbeln für Resonanzsaiten
Auf der linken Seite des tiefen hohlen Halses 6 Wirbel für Resonatorsaiten in zwei Reihen (vorne 4, hinten 2)
2 weitere Bohrungen in der hinteren Reihe, nachträglich mit Holz verschlossen
Insgesamt dürfte das Instrument demnach mit 17 Resonanzsaiten ausgestattet gewesen sein.
Die vom Wirbelkasten kommenden Saiten laufen auf zwei Ebenen über den eingesetzten Hauptsattel aus Bein
Holzsteg mit 17 Bohrungen für Resonanzsaiten
Saitenanhang unten: ein Metallklötzchen, weiter hinten versetzt ein Elfenbeinstift
Fos 56a: Bogen mit weißem Rosshaar, Länge 40,3 cm
Das Instrument ist beschrieben in Dietrich/Fosshag 1992, 72 (Katalog-Nr. 24), Abb. S. 53
Herkunft: Bengt Fosshag (Rüsselsheim), erworben im deutschen Kunsthandel 1992 (mit Herkunftsangabe Kabul); verkauft an die Studiensammlung Musikinstrumente & Medien der Universität Würzburg am 30. August 2026
Fos 22
Nepal
LBT 61,0 x 16,6 x 8,8 cm
Länge Korpus 28,8 cm
Länge Hals 7,8 cm
Wirbelkasten 24,4 cm
Den Abschluss bildet ein nach oben stehendes Brett
Die Korpusteile sind ohne Verbindungssteg
Rücken mit Blütenmotiven beschnitzt
Schmuckelemente aus aufgenageltem Aluminiumblech
3 Wirbel
Hautdecke fehlt
Wachs-Siegel auf dem Hals
Dietrich/Fosshag 1992, 61 u. 74 [Kat.-Nr. 28]: Zu diesem Zeitpunkt besaß das Instrument noch Saiten, einen Saitenhalter aus perforiertem Aluminiumblech und eine Waranhautdecke. 2012 (Fosshag 2012, 7) fehlen diese Elemente.
Erworben im deutschen Kunsthandel 1991.
Herkunft: Schenkung von Bengt Fosshag (Rüsselsheim), 9. März 2026
Fos 23
Nepal
LBT 60,0 x 18,8 x 12,9 cm
Länge Korpus 32,5 cm
Länge Hals 9,4 cm
Länge Wirbelkasten 18,1 cm
Den Abschluss bilden 2 Hörner (oder Elefantenrüssel)
Der Wirbelkasten ist durch 1 Leiste längsgeteilt
Unter dem Wirbelkasten ein angeschnitztes Brett (Haltehilfe beim Spielen vor dem Körper)
Hals zusammengesetzt: wahrscheinlich wurde der Wirbelkasten erneuert
4 Wirbelkanäle
3 Wirbel und 3 Saiten
Herkunft: Schenkung von Bengt Fosshag (Rüsselsheim), 9. März 2026
Schlangen- oder Waranhaut
Wachs-Siegel
Dietrich/Fosshag 1992, 65 und 76 [Kat.-Nr. 30], 1991 erworben im deutschen Kunsthandel
Herkunft: Schenkung von Bengt Fosshag (Rüsselsheim), 9. März 2026
Fos 24
Nepal
LBT 63,0 x 15,3 x 9,6 cm
Länge Korpus 32,0 cm
Länge Hals 9,2 cm
Länge Wirbelkasten 11,3 cm
Länge Aufbau 10,5 cm
Auf den Wirbelkasten nachträglich bzw. als Ersatz aufgebaut: Tempel mit segnendem Bodhisattva (wohl Avalokiteshvara)
3 Wirbel, 3 Saiten
Schlangenhautbespannung, an den Rändern mit Zeitungspapier verstärkt, bzw. Zeitungspapier wurde als Klebeverstärker zwischen Holz und Schlangenhaut benutzt, nach Kupieren der aufgespannten Haut aber nicht mehr entfernt
3 Schalllöcher
Saitenhalter aus geknicktem Blechdosenverschluss
Riss im Oberbügel rechts neben Hals
Darüber Harzmasse zum Kolophonieren des Bogens
Herkunft: Schenkung von Bengt Fosshag (Rüsselsheim), 9. März 2026
Literatur: Werner Bachmann: Die Anfänge des Streichinstrumentenspiels, Leipzig: Breitkopf und Härtel 1964. – K.S. Kothari: Indian Folk Musical Instruments. Exhibition of the Indian Folk Musical Instruments, New Delhi Nov. 15 to Nov. 22,1968, New Delhi: Sangeet Natak Akademi 1968. – Jean Jenkins und Poul Rovsing Olsen: Music and Musical Instruments in the World of Islam, London 1976. – Geneviève Dournon-Taurelle: Inde. Rajasthan. Musiciens professionnels populaires, Paris, Musée de l'homme o.J., OCR 81, Begleittext (Collection Musée de l'homme, Département d'ethnomusicologie, ed. Gilbert Rouget. Disques Ocora). – Joep Bor: The Voice of the Sāraṅgī, An Illustrated History of Bowing in India, New Dehli: National Centre for the Performing Arts, 15/2-4 und 16/1 (1986/1987) – Wolf Dietrich und Bengt Fosshag: Werkzeug & Kunstwerk. Außereuropäische Lauten: Sammlung Bengt Fosshag, Frankfurt am Main 1992. – Bengt Fosshag: Die Sārindā und ihre Verwandten. Formen und Verbreitung einer Familie von Streichinstrumenten in den Ländern des Islam und benachbarten Regionen, in: Zeitschrift für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften 11 (1997), 281-306. – Bengt Fosshag: Rabab Sarangi Sarina & Verwandte. (Katalog für das Rietberg-Museum Zürich), Rüsselsheim 2012. – John Baily, Alastair Dick, Joep Bor: Sārindā, in: Laurence Libin (Hg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments, second edition, Oxford und New York: OUP 2014, Bd. 4, 387f.
{ow; 2026-04-01}



