Leier nach Bauart der Leier von Sutton Hoo – De 545
Die Überreste einer Leier stammen aus einem angelsächsischen Bootsgrab des 7. Jhd., entdeckt bei Ausgrabungen im Grabhügel 1 von Sutton Hoo in den 1930er Jahren. Sie wurden zunächst als Harfe interpretiert, bis weitere, im Verlaufe der Ausgrabung und des Transportes separierte Teile ans Licht kamen und eine zweite Untersuchung im Vergleich mit Funden aus Taplow und Abingdon nötig machten. Die Fragmente lagern heute unter den Nummern 1939,1010.203.1 bis 1939,1010.203.77 (sowie Nr. 1939,1010.238.8, 1939,1010.238.9 und 1939,1010.238.10) im British Museum. Dort sind auch Bilder der – nicht ausgestellten – größeren Fragmente zu sehen (unter 1939,1010.203.58). Zu beachten ist, dass es sich lediglich um stark verzogene Teile der oberen Hälfte handelt, der untere Teil fehlt vermutlich aufgrund der Fundlage vollständig.
Erst der Vergleich mit späteren Funden in Nordeuropa legte die Leiernform nahe. Die Relikte haben einige Nachbauten angeregt, auch solche, die sich eher wenig um die Genauigkeit der Rekonstruktion bemühen sondern eher die serielle handwerkliche Herstellbarkeit und einen günstigen Verkauf im Blick haben. Es fehlen hier z.B. die Vogelkopfornamente auf den Jocharmen. Die Gesamtmaße sind im Vergleich zu den Relikten zu groß (Höhe, Tiefe).
Während die frühen Leiernfunde zunächst in einer kulturell zuordnenden Weise gedeutet wurden (germanisch, angelsächsisch etc.), interessiert heute eher die Frage des kulturellen Austauschs. So legen die südwestkasachischen Leiernfunde aus den 1970er Jahren ein größeres als nur ein europäisches Verbreitungsgebiet der Leiernform im frühen Mittelalter nahe (Kolltveit 2022). – Die Verbreitung von sechssaitigen Leierntypen gibt Anlass über ein spezifisch auf diese Saitenanzahl zurückgehendes hexachordales tonsystematisches Organisationsprinzip mit zwei sich zur Skala ergänzenden Dreiklängen zu spekulieren, das auf eine von der musiktheoretischen Überlieferung der Antike unabhängige Tradition hinweist (Hagel 2020).
DAI II-1-Po3-2
Zum Vergleich sei hier ein Rekonstruktionsversuch aus dem Bestand des Deutschen Archäologischen Instituts Berlin (DAI) gezeigt (Orient-Abteilung; entstanden im Kontext des European Music Archaeolgy Project EMAP: Archaeomusica – with the Support of the Culture Programme of the European Union). Das Instrument gehört zu einer Gruppe von musikarchäologischen Dauerleihgaben, die sich in der Studiensammlung Musikinstrumente & Medien befinden. Es handelt sich hier um ein Hands-On-Exponat, das auf dem Boden eine Halterung besitzt, mit dem es an der Wand fixiert werden kann.
Rekonstruktion: Graeme Lawson
LBT 78 x 22.5…22,8 x 2,6 cm
Wirbel rückständig
Literatur: Rupert und Myrtle Bruce-Mitford: „The Sutton Hoo Lyre, Beowulf, and the Origins of the Frame Harp“, in: Antiquity. A quarterly Review of Archaeology 44 (1970), 7-13. — Rupert Bruce-Mitford: The Sutton Hoo Ship Burial, Bd. 3, Teil 2, London 1983. — Stefan Hagel: The Birth of European Music from the Spirit of The Lyre, in: Gjemund Kolltveit u. Riitta Rainio (Hg.): The Archaeology of Sound , Acoustics and Music. Studies in Honour of Cajsa S. Lund, Berlin: Ekho 2020, 151-170. — Gjermund Kolltveit: The Sutton Hoo lyre and the music of the Silk Road: A new find of the fourth century AD reveals the Germanic lyre’s missing eastern connections, in: Antiquity, 96(358), 2022, 208-212.
{ow; 2023-01-07/Muriel Ziegler; 2026-03-12}



