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    Institut für Musikforschung

    Theorbe von Johann Wenceslaus Staudinger mit dreifachem Wirbelkasten, Würzburg 1761 – W 17


    Signatur auf Druckzettel im Korpusinneren: ,,Mathaeus Wenceslaus | Stautinger, me fecit, | Wirceburgi 17 [ms.] 73“. Reparaturvermerk: „Repariert Renatus Lechner 1989“

    Der in Wien geborene Mathäus Wenzeslaus Staudinger (1714 bis ca. 1788) war ein Geigen- und Lautenbauer, der sich 1750 in Würzburg niedergelassen und drei Jahre darauf durch die Eheschließung mit der Witwe des Geigenbauers Johann Georg Vogler (1700–1752) das Bürgerrecht erworben hatte. Staudinger hat als Stiefvater des später zu europäischem Ruhm gelangten Komponisten und Musiktheoretikers Georg Joseph Vogler (1749–1814) gewiss zu dessen musikpraktischer Ausbildung und zur Anregung seiner instrumentenbauerischen Phantasie beigetragen. Von Lütgendorff beurteilt in seiner Studie zu den Geigen- und Lautenmachern vom Mittelalter bis zur Gegenwart (1913) Staudinger als einen „der besten deutschen Meister seiner Zeit in Franken, von dem noch hübsche Lauten und Geigen aller Art vorkommen“. Wie der erhaltene Bestand an Instrumenten aus Staudingers Hand belegt, hatte Staudinger neben dem üblichen Streichinstrumentenbau, auch für die Würzburger Hofmusik, eine Vorliebe für Zupf-Instrumente, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Wien favorisiert waren, insbesondere Mandoren und Sonderformen von Lauten (Kirsch 2018). Die Theorbe stellt mit ihrem baugeschichtlich späten Entstehungsdatum eine Seltenheit dar und vermag die stereotype Vorstellung von epochenspezifischen Grenzen in der Geschichte des Instrumentenbaus zu entkräften. Ihr gestufter Wirbelkasten und bautechnische Details zeigen Staudingers süddeutsche Ausbildung und belegen den Einfluss süddeutschen Instrumentenbaus im Würzburg des 18. Jahrhunderts.

    Deckenlänge 47,8 cm
    Korpusbreite 34,2 cm
    Korpustiefe 16,9 cm
    Kappe 3,9 cm
    Halslänge 25,2 cm
    Halsbreite unten 10,9 cm, oben 9,0 cm
    Disposition: 2x2 / 3x2 / 6x2 + 2x1
    Schwingende Saitenlänge 92,9 cm / 79,6 cm / 63,0 cm

    Muschel: 11 Späne aus geflammtem Ahorn mit einfachen Fileteln aus Ebenholz.
    Kappe: einteilig aus Ahorn, im Mittelbereich dreifach geschweift,  nach außen in S-Schwung abfallend mit ornamentalem Abschluss; gemalte schwarze Randkontur. Für Staudinger-Instrumente typischer dunkelbrauner Lack (Kirsch 2018).

    Decke aus Nadelholz, 2-teilig, nicht original. Rosette: Flechtwerk mit einem  Stern in der Mitte Abstand von unten:  30,9 cm. Durchschnitt 8,1 cm (9,3 cm) im Kerbschnitzrand aus dem Deckenholz
    7 Querbalken (Rosettenmitte frei), 6 Fächerbalken, alle von Renatus Lechner 1989 ersetzt.
    Steg: Ahorn, nicht original, aber für 13 Chöre aus drei Lagen Holz. Lage in  der Mitte, 8,5 cm vom unteren Rand. Stegbreite 19,4 cm, Stegblock: 16,7 cm, Saitenweite:14,9 cm, Höhe beidseitig 8 mm

    Hals original, furniert mit Ebenholz für  9 Bünde, nach oben hin gekürzt. 3 Nägel,  nebeneinander, der zur Bassseite modern.

    Griffbrett aus Ebenholz, wahrscheinlich neu (Übergang zum Wirbelkasten wenig einfühlsam in die Formensprache des Instruments). Geringe Wölbung, Oberklotz fast flach. Die Griffbrettspitzen laufen nicht in einer Spitze, sondern in einer kleinen Schräge aus (geschnitten, wie bei Johann Christian Hoffmann).

    Wirbelkasten (original): 3-facher Wirbelkasten aus Obstholz, dunkel gebeizt und mit dem
    dunkelbraunen Lack der Muschel lackiert. Ansatz an einer geraden Fuge des Halses (2,5 cm tief), die Stufe zum Wirbelkasten ist abgerundet. Obersättel: Hauptsattel wirkt ergänzt, die beiden oberen Sättel aus Knochen original. Wirbel gehören vermutlich zum alten Bestand des Wirbelkastens.

    Im gegenwärtigen Zustand als 11-saitige Kontra-Gitarre (63 cm Spielmensur) erscheint das Instrument spielbar. Die Decke mit wenigen reparierten Rissen wirkt stabil. Der Rücken ist überzogen von vielen mit Versatz verleimten  Rissen, doch geschlossen. Holzwurmschäden im Bereich des Oberklotzes und in  der Nähe der Kappe. Das Knöpfchen im Oberklotz und die Hälfte der Wirbel fehlen.

    Staudinger hat die Theorbe vermutlich als Schwanenhalslaute gebaut. Mit ihrem dreifachen Wirbelkasten gehört sie zu den wenigen erhaltenen Exemplaren dieses späten Lautentyps. Von Staudinger sind  ansonsten nur Mandoren bekannt (Kirsch 2018). Der Wirbelkastens zeigt hohe handwerkliche Qualität. Die Muschel mit ihrer eigenwilligen Kappe, der Wirbelkasten und wohl auch der Hals sind original erhalten. Decke wohl Anfang des 20. Jh. Bei der Erneuerung  der Decke erhielt die Laute Futterleisten mit Aussparungen für die Bebalkung. Der originale Hals ist wohl für eine Nutzung als Kontragitarre am oberen Ende verkürzt worden, um auf eine Gitarrenmensur (63 cm)  zu kommen. Ursprünglich dürfte die Mensur bei dieser Korpusgröße 70–72 cm  betragen haben. Bei  der Restaurierung von  1989 durch Renatus Lechner wurde die Bebalkung ersetzt. Das gewählte Bebalkungskonzept erinnert an Lauten von Johann Christian Hoffmann. Vorher waren sechs Querbalken gesetzt (wovon einer offenbar abgelöst war). Unterhalb des Stegs gab es keine Balken. (Expertise von Klaus Martius Aprl 2016, GNM, Röntgenaufnahme GNM RB 4483).

    Provenienz: Erworben wurde das Instrument 2019 aus dem Besitz von  Cornelia Wagener (Soest) durch Vermittlung von Wolfgang Bargel (Soest). Die Theorbe stammt aus dem ehemaligen Besitz des Kölner Musikwissenschaftlers und methodisch maßgeblichen Organologen Georg Kinsky (1882–1951), der von1909 bis 1926 als Konservator und Leiter des Musikhistorischen Museums von Wilhelm Heyer tätig war. Der von den Nazis drangsalierte, im zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiter eingesetzte Georg Kinsky hat das Instrument um 1940 an seinen Freund und Kommilitonen aus der Kölner Musikantengilde Ingmar Schulz, dem Vater von C. Wagener, verkauft.

    Literatur: Willibald Leo Freiherr von Lütgendorff: Die Geigen- und Lautenmacher vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Frankfurt am Main 1913 (Reprint Tutzing 1975), S. 482.
    Dieter Kirsch: Mathäus Wenzeslaus Staudinger. Ein Beitrag zum Mandorabau in Würzburg in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in: Eszter Fontana, Klaus Martius und Markus Zepf (Hrsg.): Hinter den Tönen – Musikinstrumente als Forschungsgebiet (Veröffentlichungen des Instituts für Kunsttechnik und Konservierung am Germanischen Nationalmuseum Bd. 10), Nürnberg 2018, S. 52–60 (Abb. 1/2, S. 54).

    Vergleichsinstrumente: Laute, 13-chörig, Leipzig 1690er Jahre (Martin Hoffmann) Germanisches Nationalmuseum, MI 245;  Laute Leipzig (Johann Christian Hoffmann) 1720, Cité de la Musique, E.529
    Laute, 13-chörig, Nürnberg 1744 (Sebastian Schelle), GNM, MI 46 .

    {ow; 20190724}