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    Institut für Musikforschung

    Gusle - StW 9


    Die Gusle (serbokroat. Gusle, auch Gusla, Plural Guslen; albanisch lahuta) ist eine südslawische Schalenhalslaute mit Roßhaarsaiten, einem ovalen bis birnenförmigen, mit Leder bespannten Ahorn-Resonanzkörper (varjača), einem griffbrettlosen Hals (vrat) und einem mit Tiermuster (oder National- und Volkssymbolen) verzierten Kopf (glava), an dem je nach Saitenbündelanzahl ein oder zwei Wirbel in unterschiedlicher Position angebracht sind (kljuć).

    Die Gusle gehört zum älteren Bestand der Streichlauten (1. Jahrtausend). Ursprünglich kommt der Typus aus dem zentralasiatischen Raum und entwickelte sich aus der Menge der älteren vorderasiatischen Halslauten, die auch in der persischen und indischen Musikkultur verbreitet sind. Indizien dafür sind die Verwendung von Rosshaaren für Bogen und Instrument, von Tierhaut als Membran und die Schlichtheit des Bogens. Im 10. Jahrhundert n. Chr. kam die Gusle mit der Bevölkerung der Balkanhalbinsel nach Europa. Die Tiersymbole am Halsende weisen auf heidnische Herkunft. Sie wird in Nordalbanien, Mittelwestbulgarien, Serbien, Montenegro und Bosnien-Herzegowina gespielt. Erste schriftliche Zeugnisse sind aus dem frühen 14. Jahrhundert aus Serbien überliefert. Die Gusle spielte im russisch-türkischen Krieg in den 1830er Jahren und in den Balkankriegen eine herausragende Rolle und diente als nationales Identifikationsobjekt.

    Die Guslenspieler Montenegros und Südwestserbiens überlieferten ihre Heldengedichte mündlich. Vuk Stefanović Karadžić schrieb die epischen Lieder zu Beginn des 19. Jahrhunderts nieder. Das heutige Guslaren-Repertoire entstammt meistens diesem Korpus. Ende der 1920er Jahre diente dieses Material Milman Parry und Albert Bates Lord als Grundlage der "Oral Poetry"-Theorie im Kontext der Homerischen Ependichtung (vgl. Alfred Heubeck: Die homerische Frage. Ein Bericht über die Forschung der letzten Jahrzehnte {Erträge der Forschung 27}, Darmstadt 1974).

    Der Spieler musiziert im Sitzen, indem er das Instrument zwischen den Knien hält. Die Gusle wird überwiegend als Soloinstrument verwendet. Beim Vortrag des Heldenliedes musizieren der Sänger (Guslar) und das Instrument unison (mit beabsichtigten Reibungen). Die Gusle hat also eine stimmverstärkende Funktion.

    Bemerkenswert ist die Saitenbespannung aus zwei Rosshaarbündeln, die auf den gleichen Ton gestimmt werden. Gestrichen wird das Instrument mit einem hölzernen Rosshaarbogen. Die Rückseite des Resonanzkörpers ziert ein geschnitztes Blumenmuster sowie Rosetten. Die Saiten, welche über einem am Resonanzkörper angebrachten Steg laufen, werden mit einem halbmondförmigen, oftmals verzierten Bogen gestrichen. Die Saiten sind so weit vom Hals entfernt sind, dass sie nicht auf den ihn herunterdrückt werden können, folglich werden sie frei gegriffen. Dadurch ist nur ein kleiner Ambitus verfügbar und eine kleinschrittige (sprachähnliche) Melodik möglich. Da der Resonanzkörper keine Schallöffnung aufweist, ist der Klang des Instruments gedeckt und nasal. Die Saiten werden durch zwei Bohrungen im Steg geführt.

    Es gibt drei unterschiedliche Bauarten des Instruments, die montenegrinische (mit birnenförmigem Korpus), die kleinere serbische (mit eher rhomboidem) und die bosnische (mit eher deltiodem). Am Halsende, den ein Ziegenkopf schmückt, sind zwei Wirbel angebracht. Die Saitenbündel sind durch Bohrungen im Steg geführt. Bei dem in der Sammlung aufbewahrten Instrument handelt es sich um eine montenegrinische Gusle, wohl aus den 1970er/80er Jahren.

    Gesamtlänge ca. 87,5 cm.
    Resonanzkörper ca. 29,5 cm
    Hals ca. 28,5 cm
    Korpuslänge ca. 27,5 cm
    Saitenlängen zwischen 53,5 und 49,5 cm
    Bogenlänge 46,5 cm

    Die aktuelle Schaubesaitung (Januar 2015) von Bogen und Saiten besteht aus Nylon und weist auf den Verwendungszweck des Instruments als Dekorationsmaterial. An der Halsseite löst sich die Membranbespannung. – Das Instrument wurde anonym gestiftet.

    {2015-01-26, Maxim Braun, David Meier, Xin Wang}

    Transkription von Guslarengesängen: Stjepan Stepanov: Pjesma o Božuru Lasiću, in: Narodna umjetnost: hrvatski časopis za etnologiju i folkloristiku, Vol.2 No.1 Ožujak 1964, S. 149–176. (Link)