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Intern
    Institut für Musikforschung

    Obereinbau einer Phonoliszt Pianola, ca. 1910

    StW 16 – Steuerung für ein Selbstspielklavier (mit Rolle)

    Pneumatische Steuereinheit mit Notengleitblock zwischen Rollenhalterung und Drehrolle  für ein aufrecht stehendes Selbstspielklavier (Pianola). 77 Windkanäle aus Blei.

    Rolle (defekt: Kopfstück mit Einhängeniete fehlt; ein durchgehender Riss, mehrere seitliche Anrisse; von der rechten Holzabschlusskappe ist ein Stück abgebrochen). – Musikstück: noch nicht ermittelt (2018–03-17).

    Ein gedruckter Zettel mit den Patenten bzw. Gebrauchsmustern für Deutschland (D. R. G. M.: Deutsches Reichs-Gebrauchsmuster), Österreich und Ungarn, Frankreich, Großbritannien, Rußland, USA und Australien ist sich auf die Bodenseite geleimt.

    Maße H x B x T: ca. 94 x ca. 21 x 47,6 cm.

    Stiftung: Frank Kerber (Berlin).

    Ende des 19. Jahrhunderts entstand der Wunsch, das bürgerliche Musikinstrument Klavier als selbstspielendes Instrument zu konstruieren und in seinem Besitz zu haben. Somit ist ein Pianola beziehungsweise das Phonola eine besondere Form eines Musikautomaten. Das Pianola stammte aus den USA, das Phonola aus Deutschland. Phonolas wurde in verschiedenen Formen gebaut. Es gibt sie als Vorsetzer, Phonola-Klavier, Phonola-Flügel und als Kabinett. Das Phonola-Klavier ist kaum von einem normalen Klavier zu unterscheiden. Der einzige Punkt ist die Größe des Gehäuses, welches beim normalen Klavier kleiner ausfällt. (Hocker 2009, 56; Hocker 1987, 348, Stauder 1973). Das Pianola wurde bereits 1895 von der Firma Aeolian Company in den USA gebaut. 1899 kam es auf den deutschen Markt und bereits 1902 baute die Firma Hupfeld in Leipzig ihre ersten Phonolas. Dem Phonola stand eine 20-jährige Blütezeit bevor, in der die Verkaufszahlen der mechanischen Klaviere sogar die der normalen Klaviere über Jahre hinweg überstiegen. 1903 wurden etwa 15 Instrumente pro Woche gefertigt, und Kunden mussten längere Lieferzeiten in Kauf nehmen. Die Firma Hupfeld produzierte zeitweise sogar 75 % aller auf dem deutschen Markt angebotenen Selbstspielklaviere. Aus diesem Grund musste sie ihr Personal deutlich aufstocken. Besaß die Firma im Jahr 1899 noch 75 Angestellte, so waren es im Jahr 1925 etwa 2000 Mitarbeiter. (Hocker 2009, 51; Saxer 2016). Eine Preisliste aus 1925 zeigt, dass ein Phonola als Vorsetzer damals 2500 Reichsmark kostete, eine Pianola-Klavier zwischen 2400 RM bis 5100 RM und ein Pianola-Flügel zwischen 5600 RM bis 9000 RM. Die Rollen für die mechanischen Klaviere gab es für etwa 3,50 RM bis 6,50 RM. (Hocker 2009, 73) Im Jahr 1925 war die Blütezeit des Instrumentes vorbei. Die Produktions- und Verkaufszahlen gingen drastisch zurück. Häufig wird die Verdrängung durch die Schallplatte und das Radio begründet.

    Bauformen: Üblich waren vier Bauformen, der Vorsetzer, das Pianola- Klavier, der Pianola-Flügel und das Kabinett. Der Vorsetzer kam zuerst. Er wurde vor ein Klavier oder einen Flügel geschoben. Dabei war die Mechanik komplett im Vorsetzer eingebaut. Vorsetzer gab es in unterschiedlichen Größen im Umfang zwischen 65 und 88 Tasten. Der Vorsetzer wurde so angebracht, dass die mechanischen Finger direkt auf den Tasten des Klavieres oder Flügels aufsetztenm, und so die Musik direkt über die Klaviatur gespielt wurde. Das Pianola-Klavier erschien im Jahr 1907 auf dem Markt. Man empfand es als umständlich, den Vorsetzer immer einrichten zu müssen, der nach Höhe, Pedalposition und Spielstärke eingestellt werden musste. Zudem wollte man kein zusätzliches Möbelstück im Haus haben. Daher wurde ein kombiniertes Instrument entwickelt, bei dem die Spielmechanik in ein Klavier integriert war. Da die Mechanik oberhalb der Klaviatur eingebaut wurde, benötigte ein Pianola-Klavier ein größeres Gehäuse als übliche Handspielklaviere. Der Flügel als kombiniertes Instrument kam ein Jahr später ebenfalls auf den Markt. Die letzte Bauform war das Kabinett. Hier wurde ebenfalls die Spieltechnik in ein Klavier eingebaut, eine eigene Klaviatur wurde jedoch erspart.

    Funktionsweise: In den kombinierten Instrumenten ist das Gehäuse größer als das üblicher Handspielklaviere, da dort die Mechanik im Oberbau verbaut ist. Der Spieler muss durch Treten der Pedale einen Unterdruck erzeugen. Später wurden Windmotoren eingebaut. Durch die hydraulische Energie wird die Notenrolle in Bewegung gesetzt, die gleichmäßig über die Skala gleitet. In der Notenrolle sind Löcher eingestanzt für die verschiedenen Tonhöhen und -dauern und andere Informationen (Dynamik/Pedale). Die Löcher öffnen und schließen den Luftdurchgang der kleinen Röhrchen (siehe Bild). Die Luft öffnet ein Ventil und der Blasebalg klappt zu. Diese Mechanik löst den Hammerschlag aus. Das Bild zeigt die Rückansicht. Die Notenrolle ist somit nach vorne gerichtet. Die Windlade befindet sich ebenfalls im Oberbau des Pianolas. Der Bass und Diskant wurden innerhalb der Windlade geteilt (sog. geteilte Windlade). So konnte  man individuell beeinflussen, ob die Bassbegleitung zurücktreten soll oder man den Diskant hervorheben möchte. Dies war sinnvoll, da der Bass oft als hämmernd empfunden wurde und man dies so ausgleichen konnte, ohne die gesamte Lautstärke herunterregulieren. Nicht nur die Lautstärke, sondern auch die Geschwindigkeit konnte individuell verändert werden. Dafür war ein herausklappbares Spielbrett am Pianola montiert, das unter der eigentlichen Klaviatur angebracht war, damit diese beim normalen Spielen nicht störte. Die Lautstärke konnte dann durch das Treten der Pedale reguliert werden (Hocker 2009, 50/56; Hocker 1987, 348).

    Notenrolle: 1875 hatte Paul Ehrlich die gelochte Pappscheibe als Informationsträger erfunden (zur gelochten Scheibe vgl. "Siegfrieds mechanisches Musikkabinett" Rüdesheim). Dem Prinzip der Lochkodierung folgt auch die Notenrolle zur Steuerung mechanischer Klaviere: Die Notenrolle bestand aus Papier, in der die Löcher eingestanzt wurden. Das Repertoire dieser Notenrollen war breit gefächert, auch Orchestermusik wurde als Klavierbearbeitung auf eine Rolle gestanzt. Einige Komponisten wie zum Beispiel Hindemith, Strawinsky und Toch schufen auch instrumentenspezifische Originalkompositionen nur für mechanische Klaviere. Diese waren von Hand unspielbar. Die Komponisten mussten sich bei diesen Kompositionen nicht mehr von der manuellen Begrenzung des Pianisten abhängig machen und ermöglichten so ungeahnte Klangstrukturen. (Hocker 1987, 348–350; Hocker 2011, 302; Verschoor, De Pianola) Ein eigenes großes Œuvre, das außerhalb der Blütezeit des Instruments enstand, stammt von Conlon Nanncarrow (Studies for Player Piano). Es gibt grundsätzlich zwei verschiedene Arten von Notenrollen: Zum einen wurden Notenrollen von Arrangeuren gezeichnet. Das Musikstück wurde so metrisch exakt nach der Partitur auf eine Papierrolle übertragen und anschließend gestanzt. Die zweite Form waren die Künstler-Notenrollen. Diese wurden seit 1905 angefertigt. Es war ein spezielles Aufnahmegerät nötig, das mit dem Klavier oder Flügel verbunden wurde. So konnten Interpretationen dirket auf Aufzeichnungsrollen eingespielt werden. Sie enthielten dadurch, neben den dynamischen Differenzierungen, ein Vielzahl interpretatorischer Details. Der Pianola-Spieler musste dann ggf. nur noch die Dynamik hinzufügen. Der Vorteil dabei war, dass der Käufer der Rolle eine individuelle künstlerische Interpretation eines Stücks besaß und abspielen konnte. (Hocker 2009, 52/54) – Ein Forschungsprojekt zur Erfassung von Notenrollen gibt es am Deutschen Museum München.

    Spielweise: Auf dem Pianola war die Dynamik beeinflussbar. Somit war eine individuelle Spielweise möglich und erforderte Übung und Erfahrung. Die Firma Hupfeld hatte zu ihren Instrumenten deshalb eine Bedienungsanleitung beigefügt. Darin wurde ein möglichst hoher und schräger Sitz empfohlen, sodass die Beine fast gestreckt auf den Fußtritten ruhen konnten. So erhielt man eine Körperhaltung, bei der die Tritte abwechselnd auf und ab bewegt werden konnten, um eine gleichmäßige Bewegung der Notenrolle über den Skalenblock zu gewähleisten. Die Hände liegen auf dem Spielbrett. Der linke Daumen betätigt den Nuancierungshebel, der Mittelfinger ruht und die anderen beiden Finger der linken Hand üben Druck auf die Knöpfe für die Betonung im Diskant oder Bass aus beziehungsweise für die Pedalisierung. Dies erfolgt je nach Erfordernis. Die rechte Hand betätigt den Tempohebel. Hupfeld empfiehlt diesen Hebel zwischen den zweiten und dritten Finger zu halten. So konnte das Tempo bei Künstler-Notenrollen beeinflusst werden. Mit dem Pedal musste man vorsichtig umgehen, denn es reagiert sehr sensibel auf kleinste Druckausübungen. Deshalb reicht für sehr leise, leise und mittelstarke Dynamik schon ein flaches Treten des Pedals. Für laut und ganz laut muss man jedoch schnell und tief treten. Triller und Läufe benötigen ebenfalls eine verstärkte Luftzufuhr und somit ein kräftiges Treten. Die Pedale sind deshalb nicht nur Luftschöpfer, sondern zugleich expressive Beeinflussungsmöglichkeiten. (Hocker 2009, 52/59ff.)

    Skalen: Es gibt etliche verschiedene Skalen für Notengleitblöcke. Weil es keine Standardisierung unter den Pianolas gab, wurden immer neue gefertigt, die immer verschieden viele Töne anschlagen konnten. Hupfeld hatte bereits 1902 die 72er-Skala. Ihr Ambitus reichte vom F1 bis zum f³. Diese Skala hatte 73 Töne, aber 77 Löcher im Notengleitblock: Es gab fünf zusätzliche Öffnungen für den sogenannten Solodant. Diese Löcher ermöglichten eine betonte Melodieführung. Sie waren im Skalenblock in der Mitte zu finden. Die 72er-Skala von Hupfeld konnte 75% der Kompositionen ohne Einschränkung abspielen. Trotzdem wurde 1910 die 88er Skala als Standard festgesetzt. (Hocker 2009, 55/58)

    Auf der Unterseite des Notengleitblocks StW 16 ist ein Patentaufkleber angebracht. Die Abkürzung DRP bedeutet: Deutsches Reichspatent, DRGM Deutsches Reichs-Gebrauchsmuster. Die Recherche erwies sich schwieriger als vermutet. (Möglichkeiten zum Recherchieren bietet das Deutsche Patent- und Markenamt (DPMA) auf seiner Website  unter DEPARTISnet.) Das Archiv des DPMA führt alle Gebrauchsmuster jedoch erst ab dem Jahr 1933. Nach Auskunft einer Mitarbeiterin des DPMA ist die Zahlenfolge unüblich für Veröffentlichungsnummern um 1900. Die Reichspatente sind seit 1877 im Archiv geführt, leider sind aber nicht alle Patente mit bibliografischen Daten versehen, sodass nur die Volltextsuche als Lösung übrig bleibt. Die Patente von Ludwig Hupfeld, die dort aufgeführt sind, führenzu keiner Klärung über die Art des Notengleitblocks StW 16. Aufschlussreich war jedoch die Anzahl der Löcher im Skalenblock. Es sind genau 73 runde Löcher plus vier längliche. Sechs der Löcher sind von den länglichen umgeben und könnten somit den Solodant darstellen. Deshalb könnte es sich um eine Hupfeld 72er Skala handeln. Dementsprechend vermutet auch der Vorsitzende der Gesellschaft für selbstspielende Musikinstrumente e.V., dass es sich um den Obereinbau einer Phonoliszt Pianola von etwa 1910 handelt.

    Literatur:

    Hocker, Jürgen: „Selbstspielende Klaviere“ in: Fünf Jahrhunderte Deutscher Musikinstrumentenbau, hrsg. von Hermann Moeck, Celle 1987.

    Hocker, Jürgen: Faszination Player Piano. Das Selbstspielende Klavier von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bergkirchen 2009.

    Hocker, Jürgen: „Selbstspielende Musikinstrumente“, in: Die Innovation bleibt immer auf einem Fleck, hrsg. von Armin Köhler, Mainz 2011.

    Peetz, Ludwig: Das Welte-Mignon-T100-Aufnahmeverfahren: Aktuelle Forschungsergebnisse zur Dynamikerfassung, in: Das mechanische Musikinstrument Nr. 89 (April 2004), S. 7–24.[Link]

    Saxer, Marion und Storz, Leonie: „Die Ökonomisierung der Wahrnehmung. Anmerkungen zur Wirtschaftsgeschichte der Medien oder: vom Aufstieg und Niedergang des Selbstspielklaviers“, in: Spiel (mit) der Maschine. Musikalische Medienpraxis in der Frühzeit von Phonographie, Selbstspielklavier, Film und Radio, hrsg. von Marion Saxer, Bielefeld 2016.

    Stauder, Wilhelm: Alte Musikinstrumente. In ihrer vieltausendjährigen Entwicklung und Geschichte, Braunschweig 1973.

    Widuch, Marc: Typologie der Pianolas, online unter: http://www.faszinationpianola.de/pianola-geschichte--typen/typologie-der-pianolas/index.html [01.03.2018]

    Verschoor, Yvo [Pianola Museum Amsterdam]: De Pianola, online unter: http://www.pianola.nl/Pianola_Museum/De_pianola.html [01.03.2018].

    {ow / Franciska Bouma; 2018-01-15; Fotos © Studiensammlung Musikinstrumente & Medien}