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    Institut für Musikforschung

    Oberschlägiger Hammerflügel von Johann Baptist Streicher (Wien 1837) - R 16


    Die oberschlägige Mechanik ist ein Sonderweg in der Klavierbaugeschichte. Er wurde beschritten durch den Wiener Klavierbauer Johann Andreas Stein (1728–1792), seine Tochter, die Klavierbauerin, Komponistin, Musikpädagogin und Schriftstellerin Nannette Streicher (1769–1833) und ihren Sohn Johann Baptist Streicher (1796–1781); später verfolgt durch den Londoner Robert Wornum (1790–1852; eigenes Patent 1842) und den Berliner Wilhelm Julius Theodor Stöcker (1811–1878), der ausschließlich oberschlägige Flügel baute. Streichers Klavierfabrik war bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1896 – zusammen mit der Firma Bösendorfer – die bedeutendste im österreichischen Raum.

    Der Vorteil der Bauart bestand darin, dass die Saiten parallel unter der Mechanik verlaufen konnten und somit einiges an Strecke für die Basssaiten gewonnen wurde. So mussten keine verstärkten, d.h. umsponnenen Basssaiten aufgespannt werden (wie das Messingdraht-Bassregister unseres Instruments zeigt). Als weiterer Vorteil wurde gesehen, dass die Saiten durch die Hämmer in Richtung des Stegs und des Resonanzbodens angeschlagen werden und nicht von ihnen weg, so dass sich eine höhere Effizienz zwischen Kraftaufwand und Klangresultat zu ergeben schien. Die Bemühungen um eine brauchbare abwärtsgerichtete Mechanik waren schon älter. Der Umstand, dass die herkömmliche Mechanik unterhalb des Resonanzbodens angebracht wurde und somit der Anschlag der Hämmer gegen die Saiten durch einen Ausschnitt im Resonanzboden erfolgen mußte, wurde als klangliche Beeinträchtigung empfunden. Durch Anschlag des Hammers von oben konnte man einen Resonanzboden ohne Lücke einziehen. Konstruktive Schwierigkeiten jedoch, vor allem das Problem, dass zur Rückstellung der Hämmer ein Federzug benötigt wird, brachten es mit sich, dass ab dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts dieses Konstruktionsprinzip nicht mehr verfolgt wurde. Überdies bedingt die Bauweise, dass beim Stimmen die Klaviatur und die Hammermechanik nicht zum Anschlagen der Saiten verwendet werden kann (siehe Bild mit frontseitig zum Stimmen offengelegtem Stimmstock und kochgeklappter Mechanik). Schließlich ist auch die Höhe der Klaviatur für die Spielerin bzw. den Spieler gewöhnungsbedürftig.

    Es handelt sich hier um eine regulierbare oberschlägige Prellzungenmechanik, vom Hersteller 1823 erfunden.

    Signatur: Auf dem Notenpult ein gepreßtes Messingschild: "PATENT = PIANOFORTE | erfunden u: verfertigt | von J. B. STREICHER | in WIEN". Auf dem Resonanzboden, unter der Dämpfung, im Bereich von c1 bis gis1 ein ovaler bedruckter Zettel. Die Fabrikationsnummer, die Jahreszahl sowie die darunter stehende Zahl handgeschrieben: "Nr. 2991 | J. B. STREICHER | vormals N. Streicher geb. Stein und Sohn | WIEN | 1837 | 32 r." (Siehe Bild links.)

    Gehäuse mit langer Wand, Rückwand, Hohlwand und kurzer Wand. Mit Mahagoni furniert. Gesamtlänge: 243.4 cm, Größte Breite: 131.7 cm, Größte Gesamthöhe vorn (mit Deckel): 84.6 cm.

    Klaviatur: Umfang C1–g4. Stichmaß (3 Oktaven): 47,5 cm; Klaviaturhöhe: 79,9 cm. Untertasten mit Elfenbeinauflage. Obertasten gebeizter Birnbaum mit Ebenholzauflage.

    Züge: linkes Pedal "una corda", mittleres "due corde", rechtes Dämpferaufhebung.

    Besaitung zeitgenössisch, von C1 bis F aus Messing, von Fis bis g4 aus Stahl. Von C1 bis Dis1 zweichörig, von E1 bis g4 dreichörig.

    Zustand: Nicht spielbar. Resonanztafel mehrfach gerissen. Pedalmechanismen nicht funktionstüchtig. Vielfache Furnierschäden.

    Provenienz: Aus der Sammlung Ulrich Rück. Ankauf durch die Brüder Rück aus dem Besitz des Klavierhändlers Nold in Frankfurt/Main, Ende der 1930er Jahre.

    Vergleichsinstrumente (baugleich): Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, MIR1118; Kunsthistorisches Museum Wien, Sammlung alter Musikinstrumente, 412; Grassi-Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig, Nr. 203. (Ähnlich:) Sammlung des Instituts für Musikwissenschaft der LMU München. Blogspot-Seite Fortepiano Villa Koecher, Nr. 2288. National Music Museum, Univ. of South Dakota, NMM 10289.

    Literatur:
    – Eschler (1993), S. 83–85, 117.
    – Alexander Langer und Peter Donhauser: Streicher – drei Generationen Klavierbau in Wien, Köln (Dohr) 2014.

    Siehe auch den Hammerflügel N 8.

    ow {2017-10-04}