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    Institut für Musikforschung

    Zenck, Martin: Pierre Boulez und das Musiktheater des 20. Jahrhunderts. Studien zur Avantgarde. Work in progress

    Statt eines Vorworts: „Sprengt die Opernhäuser in die Luft“ – Ein missverstandenes Schlagwort

    Dieser viel zitierte Spiegel-Artikel „Sprengt die Opernhäuser in die Luft“[1] von Pierre Boulez aus dem Jahre 1967 hat immer wieder Anlaß zu Mißverständnissen gegeben. Es wurde dabei eher nur sein Titel als Schlagwort benutzt, wie beim anderen Artikel „Schönberg is dead“[2] von 1951, und nicht die von Boulez behauptete These des Artikels selbst wiedergegeben und diskutiert. Denn der Autor hat da ganz und gar nicht eine angebliche Opernfeindlichkeit der Avantgarde zum Ausdruck gebracht, sondern seine Kritik auf drei Erfahrungsmomente gestützt: erstens gäbe es bis zu diesem Zeitpunkt keine wirklich zeitgenössische Oper, die auf dem kompositionstechnischen Stand der Avantgarde sei und das heißt vor allem nicht auf dem Niveau der Stimm- und Sprachbehandlung von Sprachkompositionen der fünfziger und sechziger Jahre; zweitens bestehe immer noch die Vorstellung einer Textvorlage, die als Libretto zur Oper, genauer zur Literaturoper „vertont“ werde und damit sei das Verhältnis von Sprache und Musik auf dem Stand des 19. Jahrhunderts, nicht aber auf dem der Theaterstücke von Genet, Beckett und Pinter mit ihren auch ausdrücklich musikdramaturgischen Konzeptionen, etwa der „Pieces sans paroles“ von Samuel Beckett. Es geht Boulez dabei nicht um eine neue Textvorlage, sondern um eine enge Zusammenarbeit zwischen Schriftsteller und Komponist, aus der überhaupt erst ein komponierbarer Text entsteht; drittens liegt das wohl stärkste Argument der Kritik in der obsoleten Regieform des Operntheaters, das selbst das traditionelle Repertoire wie verstaubte Museumsstücke behandelt (Beispiel: Zefirellis Inszenierungen an der Wiener Staatsoper). – Als Boulez dies Interview mit dem „Spiegel“ zum Zeitpunkt seines Bayreuther Dirigats des „Parsifal“ führte, konnte der Eindruck entstehen, daß hier ein unbequemer Komponist sich nur auf Grund unzulänglicher Theatererfahrungen zu einer dergestalt grundlegenden Kritik am gegenwärtigen Musiktheater hat hinreissen lassen. Das Gegenteil jedoch ist der Fall. Zurück lagen immerhin eine 10-jährige Tätigkeit zwischen 1946 bis 1956 als musikalischer Leiter der französischen Theatertruppe der „Compagnie Renaud-Barrault“, für die er u. a. 1954 eine umfassende Bühnemusik für die „Orestie“-Inszenierung Barrault’s komponierte.( Nach eigenen Worten war Boulez also ein Theatermann durch und durch, weil er 10 Jahre Tag und Nacht im Theater war, um dort die neu arrangierten oder neu komponierten Bühnenmusiken zu proben und während der Theateraufführungen zu dirigieren. Es darf in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen werden, daß Boulez seit 1954 auch die Concerts im Petit Marigny leitete, die  dann zwei Jahre später unter seiner künstlerischen Verantwortung in die „Domaines musicales“ übergingen). Zurück lagen das Artaud-Projekt „Marges“ für Sprecher und Schlagzeugensemble aus dem Jahre 1962-1964. Zurück lagen weiter die legendären Pariser und Frankfurter Wozzeck-Aufführungen 1964 und 1966 in der Regie von Jean-Louis Barrault und Wieland Wagner. Zurück lagen schließlich Boulez Vokal- und Sprachkompositionen, in denen er die Möglichkeiten der Musikalisierung von Sprache und die nicht-lineare „Vertonung“ und Transformation von Texten erprobte. Exemplarisch seien hierfür der „Marteau sans maitre“ (1954), die drei „Improvisations sur Mallarme“ (1962-64) und vor allem das Schlußstück „Tombeau“ aus dem späteren Zyklus „Pli selon pli“ genannt. In „Tombeau“ erklingt erst ganz am Schluß die Singstimme, die nur einen Vers von Mallarme wiedergibt: „un peu ruisseau calomnie la mort“.  Dort ist diese Vokal-Linie ganz auseinander gezogen und das Wort „la mort“ gewaltsam abgetrennt, wie der Tod dann schließlich brutal das Stück beendet. Zusammengefaßt kann also gesagt werden, daß Boulez bis zum Zeitpunkt des Erscheinens des Spiegel-Artikels 1967 ein kompetenter Theatermann war, der durch seine administrative, dirigierende und kompositorische Theaterarbeit bestens in der Lage war, ein solch vernichtendes, aber zugleich differenziertes Urteil über die Situation des Musiktheaters im Jahre 1967 abzugeben. Zu erinnern ist aber  in diesem Zusammenhang mit dem scharfen Ton im „Spiegel“-Artikel an den eigentlichen Hintergrund[3] dieses Interviews: an die katastrophale Frankfurter Proben-Situation bei der Wiederaufnahme der Wozzeck-Produktion. Als der damalige Regisseur Wieland Wagner plötzlich verstarb, hatte diese Produktion keinen Stellenwert mehr im Frankfurter Opernhaus mit der Konsequenz, daß Boulez viel zu wenig Proben für die Wiederaufnahme zur Verfügung gestellt wurden. Dies erklärt auch die stupende Wut, die hinter den geschliffenen Antworten von Boulez im Spiegel-Artikel steht.- Bereits ein Jahr vor dem Erscheinen des schlagfertigen Interviews  hatte Boulez eine Japan-Tornee mit Wagners „Tristan und Isolde“ mit der Bayreuther Besetzung durchgeführt. Die große, epochemachende „Ring“-Produktion[4] mit Patrice Chererau 1976 in Bayreuth sollte seine überwältigende Theaterkompetenz endgültig unter Beweis stellen. Doch Boulez und Wagner, die Fazination der französichen Clarte an der spekulativen und metaphysischen deutschen Musik, vor allem am opus metaphysicum des „Parsifal“ wäre ein eigenes Vortragsthema, vor allem auch dann wenn die einschlägigen Aufsätze von Boulez[5] zum Zeitbegriff der Wagnerschen Musik einbezogen würden. Es ist daran zu erinnern, daß Boulez in einer Person ein großartiger Musikmanager, Komponist, Dirigent und Theoretiker ist. Nicht zufällig hat ihn deswegen kein geringerer als Michel Foucault an das berühmte „College de France“ geholt, wo Boulez 10 Jahre lehrte und entsprechende musikphilosophische Werke wie vor allem „Jalons“[6] abgefaßt hat. – Doch im Folgenden wende ich mich zunächst wieder der früheren Phase der musiktheatralen Tätigkeit von Boulez in der „Compagnie Renaud-Barrault“ zu.

     


    [1] Pierre Boulez:  „Sprengt die Opernhäuser in die Luft!“ Spiegel-Gespräch mit dem französischen Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez, in: Der Spiegel, Nr. 40, 1967, S. 166-171; Abdruck in:  Melos, 34 (1967) 12, S. 429-437; erneuter Abdruck ( 1993) mit Stellungnahmen zeitgenössischer Musiktheaterkomponisten wie Hans-Jürgen von Bose, Manuel Hidalgo, Adriana Hölszky, Nicolaus A. Huber, Wolfgang Rihm, Dieter Schnebel, Hans Zender und Walter Zimmermann, in: Neue Zeitschrift für Musik, 154 (1993), 4, S. 15-29.

    [2] Dieser Artikel wurde vor Dezember 1951 geschrieben. Die erste gekürzte Fassung erschien unter dem Titel „Schönberg is dead“, in: The Score, n° 6, fevr. 1952, S. 18-22; vgl. auch den späteren Abdruck in französischer Sprache unter dem Titel „Schönberg est mort“, der am Ende nochmals in großen Lettern „SCHÖNBERG EST MORT.“ unterschrieben ist, in: Pierre Boulez: Points de repere I. Imaginer, Nouvelle Edition entierement refondue, Paris 1995, S. 145-151.

    [3] Diesen Hinweis gab mir freundlicher Weise Robert Piencikowski, der die Sammlung „Pierre Boulez“ in der Paul Sacher Stiftung betreut. Boulez‘ Zusammenarbeit mit Wieland Wagner ist zwar bekannt, auch der Sachverhalt der Wiederaufnahme der „Wozzeck“-Produktion in Frankfurt, aber weniger der „Eclat“ im dortigen Opernhaus.

    [4] Vgl. die Aufnahmen und Videoproduktionen des Bayreuther „Ring“ zusammen mit einer Probenarbeit und Stellungnahme von Patrice Chereau und Pierre Boulez unter dem Titel „Making the ‚Ring‘“ (Richard Wagner: Der Ring der Nibelungen, Hannover 2001 (Philipps), 7 DVD (in vier Teilen und mit vier Begleitheften); RichardWagner: The making of the ring, Hannover 1987 (Phiipps Classic Productions), 1 CC Video [Laserbildplatte]. Vgl. zu den Produktionen: Jean-Jacques Nattiez: Tetralogies. Wagner, Boulez, Chereau. Essai sur l’infidelite, Paris 1983 (Christian Bourgeois Editeur); vgl. Boulez in Bayreuth. Der Jahrhundert-Ring, Baarn 1981 (Phonogram International B.V., Netherlands mit dem Text „Le Temps Re-cherche“ (1976) von Pierre Boulez); Histoire d’un ‚Ring‘. Bayreuth 1976-1980. Boulez. Chereau. Peduzzi. Schmidt, Paris 1980 (Robert Laffont, Collection Puriel); Patrice Chereau: Lorsque cinq ans seront passes. Sur le Ring de Richard Wagner. Bayreuth1976-1980, Paris 1980.

    [5] Pierre Boulez: „Chemins vers Parsifal“; dreisprachige Publikation im Programmheft der Bayreuther Festspiele 1968; vgl. ders.: Der Raum wird hier zur Zeit. Nachruf auf Wieland Wagner,  in: Melos. Zeitschrift für NeueMusik, Melosverlag Mainz 1966 (beide Beiträge finden sich wieder abgedruckt in: Anhaltspunkte. Essays. Aus dem Französischen von Josef Häusler, Stuttgart – Zürich 1975, S. 99-120 und S. 384-390; vgl. Pierre Boulez: „A partir du present, le passe“, in: Histoire d’un „Ring“, Paris 1980 (Edition Laffont), S. 13-37

    [6] Pierre Boulez: Jalons (Pour Une Decennie). Dix ans d’enseigenment au College de France (1978-1988). Textes reunis et presentes par Jean-Jacques Nattiez. Preface posthume de Michel Foucault, Paris 1989, Christian Bourgeois Editeur.

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