Ordnung des Instituts für Musikforschung

Link zur Geschäftsordnung des Instituts für Musikforschung

http://www.uni-wuerzburg.de/fileadmin/33010000/Ordnungen/Ordnung-Zentrum_fuer_Musikforschung.pdf

Musikwissenschaft allgemein

Das an vielen Universitäten und Musikhochschulen vertretene Fach "Musikwissenschaft" beschäftigt sich mit potenziell allen die Musik betreffenden historischen und theoretischen Fragen in möglichst grundsätzlicher Weise. Sie zählt – seit dem 20. Jahrhundert – zu den Geistes- und Kulturwissenschaften, also zu den Fächern, die sich mit den geistigen und kulturellen Leistungen der Menschen befassen; sie steht zugleich in enger Verbindung mit der musikalischen Praxis, in die sie hineinwirkt und von der sie als einem Objekt der lebendigen Gegenwart Impulse empfängt.
Das Studium der Musikwissenschaft in Würzburg verknüpft historische, theoretische, systematische und ethnomusikologische Ansätze und versucht einen multiverspektivischen Blick auf den Gegenstand Musik zu vermitteln. Während der historische Strang vor allem dem Überblick über die europäische Musikgeschichte und ihres Repertoires auf der Basis musiktheoretischer Grundlagen dient, bietet die Systematische Musikwissenschaft eine disziplinäre Ergänzung in akustischer, empirischer, soziologischer, psychologischer und ästhetischer Hinsicht. Die Ethnomusikologie versteht sich nicht nur als musikalische Volks- und Völkerkunde, sondern definiert sich vor allem in ihrer Rolle als teilnehmender Beobachter im Prozess des interkulturellen Dialogs. Ergänzt werden diese vier Stränge eine Angewandte Musikwissenschaft, die wissenschaftliches Handeln und Berufsleben am aktuellen Arbeitsmarkt zu verbinden versucht. Das Ziel des Studiums besteht in der Befähigung zum selbständigen Umgang mit Musik und in einem kreativen Umgang mit interdisziplinären und -organisatorischen Schnittstellen musikologischen Wissens.

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Musikforschung in Würzburg – Rückblick und Gegenwart

Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts hatte wie vielerorts studentische Musizierlust zur Gründung eines "Collegium musicum academicum" geführt. 1797 begann ein neues Unternehmen, das "Collegium musicum academicum Wirzeburgense", mit seinen musikalischen Aktivitäten. Aus diesen und anderen Initiativen wuchs schließlich die später so genannte Königliche Musikschule hervor. 1804 als "Akademisches Musikinstitut" eingerichtet und anerkannt, als solches bis 1820 an die Universität gebunden und dann als selbständiges Institut war es für die Ausbildung von Musikern und Schullehrern verantwortlich – die erste derartige Ausbildungsstätte auf deutschem Boden überhaupt. In den Annalen ihrer Geschichte behauptet Franz Joseph Fröhlich (1780-1862) einen herausragenden Platz. Der gebürtige Würzburger hatte in seiner Vaterstadt Jura und Philosophie studiert, daneben am Juliusspitälischen Studenteninstitut eine musikalische Ausbildung genossen. Seiner künstlerischen und pädagogisch-wissenschaftlichen Begabung gemäß entfaltete er in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sein für Würzburg höchst ertragreiches Wirken. Er war es dann auch, der als Direktor des Musikinstituts die Brücke zur Universität schlug. Ohne sich im eigentlichen Sinne akademische Würden erworben zu haben - den Doktortitel erhielt er ehrenhalber unter Erlaß einer wissenschaftlichen Abhandlung, durfte er seit 1804 den Titel Privatdozent tragen und an der Universität Musikgeschichte lehren. Nach außerordentlichen Professuren für Ästhetik (1812) und für Pädagogik und Didaktik (1819) wurde Fröhlich schließlich 1821 in den Kreis der ordentlichen Professoren aufgenommen - nicht als Vertreter der Musikwissenschaft, sondern der allgemein für die Künste zuständigen Ästhetik. Als solcher übernahm er 1834 auch die Leitung der Antiken-, Gemälde- und Kupferstich-Sammlung der Universität.

Hatte Fröhlich den Grundstein für eine geregelte und systematisch betriebene Ausbildung von Musikern und Schullehrern gelegt, eine Basis, auf die sich die lange Würzburger musikpädagogische Tradition bis heute berufen kann, so geriet sein umfangreiches musikalisches Schaffen ebenso rasch in Vergessenheit wie sein quantitativ eher schmales musikschriftstellerisches Œuvre. Die Etablierung musikgeschichtlicher Forschungen, wie sie noch zu Fröhlichs Lebzeiten und bald nach seinem Tod etwa an den Universitäten Berlin, Wien, Prag oder Straßburg zu beobachten ist, blieb in Würzburg aus. Allerdings lasen an der Königlichen Musikschule, die 1904 bereits ihr 100jähriges Gründungsjubiläum feierte, verschiedene Dozenten Musikgeschichte und Ästhetik. Wenn es in Würzburg zu dieser Zeit auch nicht zur Einrichtung eines musikwissenschaftlichen Lehrstuhls kam, so doch wenigstens zur ersten Habilitation eines andernorts akademisch ausgebildeten Musikologen.

Der 1885 im oberbayerischen Heufeld geborene Oskar Kaul hatte in Köln ein Musikstudium absolviert, ehe er 1911 in München mit einer musikwissenschaftlichen Dissertation über den Komponisten Antonio Rosetti promoviert wurde. 1912 nahm er eine weitgefächerte Lehr- und Verwaltungstätigkeit an der Würzburger Musikschule auf, ohne akademische Ambitionen aufzugeben. Anfang 1922 endlich hielt er eine Antrittsvorlesung an der Universität. Vor diesem abschließenden Akt seines Habilitationsverfahrens hatte sich Kaul einem Kolloquium gestellt und außerdem eine wissenschaftliche Abhandlung zur "Geschichte der Würzburger Hofmusik im 18. Jahrhundert" vorgelegt, ergänzt wurde sie durch eine nachgereichte Studie mit dem Titel "Die musikdramatischen Arbeiten des Hofkapellmeisters G. Fr. Waßmuth". Zum ersten Mal erlebte die universitäre Öffentlichkeit in Würzburg den erfolgreichen Abschluß eines solchen Verfahrens im Fach Musikwissenschaft. Im folgenden Sommersemester 1922 enthielt das Vorlesungsverzeichnis erstmals die Ankündigung musikhistorischer Lehrveranstaltungen.

Zweifellos lag es danach in Kauls Absicht, auf die Einrichtung eines Instituts hinzuwirken, ein Vorhaben, bei dem seine Ernennung zum außerplanmäßigen Professor im Jahre 1928 nur förderlich sein konnte. Einerseits strebte Kaul nach dem Ausbau der Musikwissenschaft als einer selbständigen akademischen Größe im Fakultätsverband, andererseits aber auch, wie seinerzeit Fröhlich, nach einer institutionellen Verbindung zwischen Musikschule und Universität.
Die politischen Entwicklungen der 1930er Jahre führten in ganz Deutschland zu einem organisatorischen Ausbau des Fachs. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kam es in Würzburg zur Gründung eines musikwissenschaftlichen Seminars. Ihm war allerdings keine lange Geschichte beschieden. Nach 1945, Kaul war aus den Diensten der Universität ausgeschieden, herrschte auf dem Gebiet der Musikwissenschaft beinahe ein Jahrzehnt lang völlige Leere. Es dauerte bis zum Wintersemester 1954/55, ehe mit der Erteilung eines Lehrauftrags an den damals erst 25jährigen, frisch promovierten Hermann Beck unter schwierigen äußeren Bedingungen der Neuanfang unternommen wurde. Im Sommer 1960 erhielt Würzburg schließlich als letzte der alten großen Universitäten Deutschlands einen musikwissenschaftlichen Lehrstuhl. Dessen Besetzung mit Georg Reichert war ein Glücksfall, denn der vielseitige, mit wichtigen Publikationen zur Musikgeschichte des 15. bis 18. Jahrhunderts glänzend ausgewiesene Gelehrte, nahm sich des Ausbaus des Instituts mit ganzen Kräften an. Eine unentbehrliche Stütze für diese Bemühungen fand er dabei in seinem Assistenten Martin Just. Nach fünfjähriger Tätigkeit erhielt Reichert einen Ruf auf das Ordinariat in Bonn, doch noch ehe er über dessen Annahme entscheiden konnte, verstarb er im Frühjahr 1966. Im Jahre 1968 folgte ihm aus München Wolfgang Osthoff nach, während Hermann Beck nach Regensburg wechselte. Die zweite, 1978 eingerichtete Professur, wurde von Martin Just besetzt; dieser hatte sich zuvor in Würzburg habilitiert.

Seit 1996 hat Ulrich Konrad den Würzburger Lehrstuhl inne; die zweite Professur ist seit 1997 mit Bernhard Janz besetzt. 1999 wurde die Professur für Musikpädagogik dem Institut für Musikwissenschaft als eigenständiger Lehrstuhl integriert; sie ist mit Friedhelm Brusniak besetzt.

Im Zuge der neuen Reformwelle an deutschen Universitäten wurde 2004 eine Zusammenlegung der musikwissenschaftlichen Institute an den Universitäten Bamberg, Erlangen und Würzburg geplant, die 2008 ihre Realisation durch die Gründung des neuen Instituts für Musikforschung an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg erfuhr. Da die drei ehemaligen Institute ein eigenständiges, zueinander komplementäres Forschungs- und Lehrprofil mitbringen, kann am neuen Institut ein ungleich breiteres Spektrum wissenschaftlicher Themen in Forschung und Lehre entfaltet werden, als dies bislang der Fall war. Durch das Erlanger Institut kommt ein eigenständiger traditionsreicher Strang der Mittelalter-Forschung hinzu, vertreten durch den Lehrstuhl 1 mit Andreas Haug. Der ehemalige Würzburger Lehrstuhl ist in den Lehrstuhl 2 für Musik der europäischen Neuzeit verwandelt worden. Eine Ergänzung erfährt dieser durch eine Professur für Musik der Gegenwart und Medialität der Musik mit Martin Zenck. Die Bamberger Professur für Ethnomusikologie, vertreten durch Max-Peter Baumann, der die internationale Zeitschrift the world of music herausgibt, wird in Würzburg als eigenständiger Lehrstuhl ausgebaut. Hinzu kommt ein Verband von Forschungseinrichtungen und -projekten, darunter das Bruno-Stäblein-Archiv für mittelalterliche Musikhandschriften und die Richard-Wagner-Briefausgabe. Enge Kooperation mit der Hochschule für Musik Würzburg besteht durch die seit längerem bewährte musikhistorische Teilausbildung der Lehramtsstudierenden am Institut für Musikforschung. Gebündelt werden soll die musikpädagogische und -wissenschaftliche Kompetenz am Standort Würzburg durch ein institutionenübergreifendes Forum Musikforschung, das Andreas Haug im Sommer 2008 initiiert hat. Der Zusammenschluss zum großen Institut wurde offiziell im universitären Rahmen mit einem Festakt, verbunden mit einem Tag der offenen Tür, an dem die neuen Institutsräumlichkeiten und die neueröffnete Studiensammlung Musikinstrumente gezeigt wurden, am ersten Juli 2010 gefeiert.

2008 wurde Ralf Martin Jäger auf den Lehrstuhl für Ethnomusikologie berufen, nahm 2011 jedoch einen Ruf der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (Professur für Musikwissenschaft) an. Zwischen 2008 und 2012 wurde die Dissertationsmeldestelle der Gesellschaft für Musikforschung am Würzburger Institut verwaltet.

Seit 2011 ist am Institut das von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz geförderte Langzeitprojekt Corpus monodicum angesiedelt.

Die Professur für Musik der Gegenwart hat seit Winter 2011 Elena Ungeheuer inne. Sie gründete zusammen mit Oliver Wiener 2012 das Atelier Klangforschung.

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