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Intern
    Institut für Musikforschung

    fluctin – alsobjekt – klanginstallation

    als<ob>jekt  [Raum 1]

              Die Vogelscheuche
              Wird mitgewässert
              im Gemüsefeld
                     Abbas Kiarostami, In Begleitung des Windes, 107

    Der binnengeklammerte Titel beschreibt die Konzeption der Klanginstallation: das Lavieren auf der Grenze zwischen objekthafter Stabilität des wahrgenommenen Klangs und einer Täuschung solch objekthafter Wahrnehmung. Mancher Klang verbindet sich mit den in der Studiensammlung Musikinstrumente & Medien ausgestellten Instrumenten konkret, mancher schält sich aufgrund seiner digitalen Bearbeitung, mal ‚atmosphärisch‘, mal skurril, vom sichtbaren Musikmobiliar ab. Das Klangmaterial von als<ob>jekt bilden ca. 2000 Samples, die aus Aufnahmen von Instrumenten der Sammlung präpariert wurden. Unter Zugabe eines reichlichen Zufallsfaktors wurden sie mit der Software Pure Data zu unterschiedlichen Texturen verwebt.

    Auf der Grenze zwischen Objekt und Quasi-Objekt behandelt die Installation dieses Material relativ grob. Auf illusionistische Momente wurde verzichtet, einer immersiven Wahrnehmung kein übermäßiger Vorschub geleistet. Sechs Lautsprecher sind diesbezüglich ein dankbares Instrumentarium: Die Gruppe geht über die quadrophonen Anfänge der frühen elektroakustischen Raumerschließung etwas hinaus, bleibt im Vergleich zum oktophonen Lautsprecherkreis aber im Bereich des Kammermusikalischen; von ambisonischen Wahrnehmungsspielen ist die Sechszahl weit entfernt. Auch hier ist die Installation auf einer Grenze angesiedelt: Wer analytisch orten will, wird fündig, wer synthetisch hören möchte, kann sich einen Ort suchen. Wenngleich durchdifferenziert, verhält sich die Lautsprechergruppe meistens ‚herdenmäßig‘. In vergleichbarer Weise zieht das klanglich Differenzierte in der Komposition auch durchaus Plumpes mit sich. (Die Vogelscheuchen stehen immer auch im akustischen Feld.) Über dem randomisierten Nebeneinander von statischen und prozesshaften Partien gibt es eine Gruppe von Klängen, auf die im Sinne einer übergreifenden Redundanz immer wieder rekurriert wird.

    Bei der Aufnahme der Samples hat Stefan Hetzel auf den von ihm gewählten Instrumenten weniger Einzelklänge erzeugt, eher improvisiert. Wenn man gewohnt ist, möglichst saubere Samples für die technische und kompositorische Weiterverarbeitung aufzunehmen, stellt diese Art des Klangerzeugens vor dem Mikrofon eine Anfechtung dar – der dann produktiv begegnet werden muss. Dieser performative Anteil der Rohaufnahmen prägt den Charakter der Arbeit. Viele Klänge bringen eine starke gestische Körperlichkeit mit – die sich im Lautsprecherkreis zum Als-ob-Körper wandelt.

    (Oliver Wiener)

    Fluctin 6 [Raum 2]

    Klanginstallationen beschäftigen mich seit Mitte der 1990er-Jahre. Ich verstehe hierunter die Erabeitung einer sonischen Textur für einen bestimmten Raum, die auch als autonome Musik gehört werden kann. Mit welchen technischen Hilfsmitteln diese Textur im Raum installiert wird, d. h. welche und wieviele Lautsprecher welcher Qualität wo angebracht werden, ist dabei zweitrangig bzw. unterliegt der pragmatischen Devise: je mehr, je besser.

    Mein zugrundeliegendes ästhetisches Konzept lässt sich als Akustisches Mobile beschreiben. Der von Marcel Duchamp geprägte Begriff Mobile bezeichnet eine frei hängende, ausbalancierte, leichte Plastik, die schon von einem schwachem Luftzug in Bewgung gebracht werden kann. Die bis heute bekanntesten Mobiles stammen von dem Bildhauer Alexander Calder, der das Konzept einmal so beschrieb: "Warum nicht plastische Formen in Bewegung? Nicht einfach übersetzte oder rotierende Bewegung, sondern verschiedene Bewegungen von unterschiedlicher Art, Geschwindigkeit und Reichweite untereinander kombiniert, ergeben ein Ganzes. So wie man Farben oder Formen komponieren kann, so kann man auch Bewegungen komponieren." ... erst recht aber Klang-Objekte, Klang-Texturen, musikalische Zellen, Sounds und Klangflächen, möchte ich ergänzen.

    Fluctin bzw. Prozac war das erste Medikament der neuen Antidepressiva-Generation der sog. Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Es wurde nach seiner Einführung 1987 als Wundermittel gefeiert und galt wegen seiner antriebssteigernden Wirkung rasch als Yuppie-Droge. Die Popularität des Medikaments ist ungebrochen, allein in den USA gab es im Jahr 2016 über 23 Millionen Verschreibungen.

    Die Fluctin-Installationen sollen, ganz wie die wundersame Arzenei, die Stimmung der Hörerin aufhellen, einen Fluss herstellen bzw. wiederherstellen, wo bisher Niedergeschlagenheit, Verzagtheit, Zwänge, Stocken, Hemmung und Leere dominieren. Kurz, sie mögen als aurale Krücken dienen, die einem ausgebrannten Geist wieder auf die Beine helfen.

    Ob sie diesen aber damit wirklich wieder zu sich selbst oder lediglich in neue Formen der Entfremdung und Abhängigkeit führen, muss offen bleiben.

    Stefan Hetzel (März 2007, rev. September 2019)