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    Tischgrammofon Odeon – StW 8

    Stiftung: Hellmut Stadelmann (Aschaffenburg)

    Tischgrammofon der Marke Odeon, ca. 1924. Antrieb mit mechanischem Doppelfederlaufwerk (Plattentellerwelle mit Schneckengetriebe).

    Maße: maximale Höhe insgesamt: 36 cm; Höhe ohne Deckel: 22,5 cm; Deckelhöhe: 13,5 cm; Grundriss quadratisch – Sockelbreite und -tiefe: 43,7 cm; Gehäusebreite und -tiefe ohne Sockel: 38,3 cm. Ton- bzw. Schalldose: Odeon Grand.

    Zubehör: vier Blechschachteln mit Nadeln (Langspielnadeln: Fürsten Extra, Marschall, Burchard's Salon); runde Pappschachtel mit zusätzlicher Schalldose (Cristallin Concert, made in Switzerland) und weiteren Nadeln.

    Geräte wie dieses stellten den Abschluss in der Entwicklung der mechanischen Qualitätsgrammofone dar. Ihr Federlaufwerk ermöglicht ein Abspielen von mindestens zwei Plattenseiten, ohne die Feder wieder neu aufziehen zu müssen, und läuft überaus geräuscharm. Ferner werden durch Schließen des Deckels während des Abspielens Nadelgeräusche wirksam abgeschirmt.

    Das Grammophon (von griech. γράμμα: Aufgezeichnetes und φωνή: Stimme) und die Schallplatte wurden 1887 von Emil Berliner (1851–1929) erfunden und international patentiert. Obwohl Berliner auch den Namen Grammophon (engl. Gramophone) gesetzlich schützen ließ, verselbständigte sich dieser jedoch als Gattungsbegriff für alle Apparate ähnlicher Bauart. Die scheibenförmigen Tonträger, in die spiralförmig nach innen in Seitenschrift die Schwingungen einer Aufnahmemembran analog konserviert wurden, hatten gegenüber der zehn Jahre zuvor von Edison patentierten Walze den Vorteil ungleich leichterer Massen-Reproduzierbarkeit. Berliners Erfindung prägte somit fast ein Jahrhundert lang Gestalt und Form der alltagstauglichen analogen Tonträger. Die anfänglich aus vulkanisiertem Hartgummi hergestellten Platten wurden schon bald von Tonträgern aus einem günstigeren heiß gepressten Gemisch aus Baumwollflocken, Ruß, Schieferpulver und Schellack ersetzt. Schellackplatten mit 78 Umdrehungen pro Minute wurden von etwa 1895 an im Verfahren unverändert mehr als 60 Jahre hindurch hergestellt, bevor sie von den Vinyl-Schallpatten verdrängt wurden.

    Zur Wiedergabe des Schalls gleitet die Nadel durch die Rille der sich drehenden Platte, wobei sie durch die Wellenlinie der Rille hin und her bewegt wird. Diese Bewegungen überträgt ein Hebelsystem auf die Membran, die nach dem Prinzip eines Druckkammerlautsprechers wirkt, der jedoch nur geringe Schallschnelle erzeugt. Zur Verstärkung muss ein Trichter (Impedanztransformator) angebracht werden, der den Schalldruck in Schallschnelle (Lautstärke) wandelt. Dabei bestimmen Größe, Material und Form des Trichters sowie die Sensibilität von Nadel und Schalldose die Wiedergabe-Qualität. Die Trichtergrammofone, die – wesentlich durch Francis Barrauds Bild, das für das populäre Logo von Berliners Gramophone-Company-Label "His Master's Voice" verwendet wurde – unsere Vorstellung vom Grammofon heute bestimmen, wurden um 1910 als unelegant empfunden, so dass die Trichter bzw. Verstärker bautechnisch ins Gehäuseinnere verlegt wurden.

    Die frühen Platten waren nur einseitig gepresst und trugen auf der Rückseite das Markensymbol. Dies änderte sich nach 1904, dem Jahr, in dem das in Berlin-Weißensee gegründete Unternehmen International Talking Machine Company mit dem Markennamen Odeon auf der Leipziger Messe erstmal doppelseitig gepresste Platten vorstellte. Der Name Odeon wurde von Frederick M. Prescott, der zuvor Geschäftsführer der International Zonophone Company in Berlin gewesen war, in Rücksicht auf seine französischen Kapitalgeber, die französischen Musikinstrumentenbauerbrüder Charles und Jacques Ullmann gewählt und nimmt Bezug auf das berühmte Théâtre National de l’Odeon im Pariser Quartier Latin. Das bestimmende Merkmal des Logos war der Odeon-Tempel. 

    Odeon wuchs rasch zu einem der wichtigen global player am Plattenmarkt heran, wobei ein besonderes Profil im Vertrieb auch außereuropäischer Musik bestand. Schon im Gründungsjahr machte Toningenieur John Daniel Smoot Aufnahmen in Griechenland, der Türkei und Nordafrika. 1906 waren bereits 11000 Titel mit süd- oder außereuropäischer Musik im Repertoire von Odeon erhältlich. 1911 kam das Unternehmen (unter Beibehaltung der Marke) als Tochtergesellschaft zur Carl Lindström AG (die 1931 im EMI-Kozern aufging). Lindstöms Unternehmen war einer der verkaufkräftigsten Grammofonhersteller; 1906 etwa verließen 150000 Geräte die Fabrik. 1910 erfand Lindström den umklappbaren Tonarm, der ein Wechseln der Nadeln an der Schalldose erleichterte und die Platte nach Abspielen schützte. (Vgl. 25 Jahre Lindström 1904-1929, hrsg. von Alfred Gutmann, Berlin 1929; Horst Wahl und Hansfried Sieben: Odeon, die Geschichte einer Schallplattenfirma, Düsseldorf 1986).

    Das Odeon-Grammofon aus unserer Sammlung wurde von Marie Henninger, der Mutter des Stifters, vor 1925 beim Frankfurter Musikhaus Tappert (Kronprinzenstr. 30; siehe Verkäuferschild) erworben. Hellmut Stadelmann, der später das 1925 in der Aschaffenburger Ludwigsallee erbaute Haus seiner Eltern übernahm, erinnert sich folgendermaßen:

    "Das Grammofon hat meine Mutter mit in die Ehe gebracht. Es stand bei uns immer im Esszimmer. Wenn Feste waren, dann ist es in Betrieb genommen worden: 'Regentropfen, die an mein Fenster klopfen' und solche Schlager von vor 1939. Und es gab auch Caruso-Platten. Es stand also im Esszimmer und da war ein Schränkchen drunter, hochglanzpoliert und mahagoni-farbig, und da waren Pappe-Einsätze drin, so dass man einzelne Platten hineinschieben konnte. Ob mein Vater das später hat machen lassen, oder ob das ursprünglich schon so war, weiß ich nicht mehr. Dieses Schränkchen ist später bei den verschiedenen Umzügen und Veränderungen verschwunden."

    Die Schellacks aus seinem Familienbesitz hat Hellmut Stadelmann der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig vermacht. Das Grammofon wurde der Würzburger Studiensammlung Musikinstrumente & Medien am 10. Juni 2014 vom Stifter in Aschaffenburg übereignet.

    {12. Juni 2014} ow

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