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    Hammerflügel von Johann David Schiedmayer – R 14

    Nürnberg 1798 (?), oder Erlangen, 1780er Jahre. Signatur nicht mehr nachweisbar. Provenienz: Aus der Sammlung Ulrich Rück, Ankauf der Brüder Rück aus der Sammlung Klinckerfuß 1939 (vgl. Briefwechsel Walter Klinckerfuß/Ulrich Rück in: www.kalliope-portal.de/).

    Johann David Schiedmayer (1753–1805), einer der drei Söhne des Erlanger Klavierbauers Balthasar Schiedmayer (1711–1781), zuerst in Erlangen, ab 1797 in Nürnberg tätig, war einer der bekanntesten Klavierbauer seiner Zeit. Er war

    "ein Schüler des berühmten Stein in Augsburg, wurde nachhin in seiner Vaterstadt als Hofinstrumentenmacher ansäßig. Man rühmt an seinen Fortepianos einen Mechanismus für den leisesten Fingerdruck empfänglich, einen Ton, der im Sopran der reinsten Flöte, und im Basse dem Fagotte gleichet, und vom sanften Hauch des leisesten Piano bis zum schallenden Fortissimo schwebend steiget. Erlanger Zeit. Jahrgang 1789. St. IX." (Lipowsky, Felix Joseph: Baierisches Musik-Lexikon, München 1811, S. 306. Der Text folgt z.T. Ernst Ludwig Gerber: Historisch-Biographisches Lexicon der Tonkünstler, Teil 2, Leipzig 1792, Sp. 428. Dort heißt es ferner, Schiedmayer scheine "es schon gegenwärtig nach dem fast allgemeinen Urtheile des Publikums, durch seinen anhaltenden Fleiß in der Verfetigung der Fortepianos, noch über seinen Meister gebracht zu haben.")

    Eine besondere Wertschätzung für Bauart und Design des Instruments lässt sich der Nachschrift zu einem Korrespondentenbericht über Musiker in Erlangen entnehmen, den Carl Friedrich Cramer im Magazin der Musik, Jg. 2, Bd. 1 (1784), S. 127–129, abgedruckt hat (die Beschreibung bezieht sich auf Flügel Nr. 7, der an den Domkanoniker Hugo Franz Karl Alexander von Kerpen [1749–1802] in Würzburg verkauft wurde und sich heute in Privatbesitz befindet):

    "Das herrliche Fortepiano, das die vorige Woche wieder aus den Händen des hiesigen Instrumentenmachers Herr Johann David Schiedmayers gegangen, und nach Würzburg bestimmt ist, verdient ebenfals bemerkt zu werden, da es ebenso vortrefflich ausgearbeitet worden, wie diejenigen, die er bisher schon verfertiget hat. | Dies Instrument ist ebensowohl in Ansehung seines bis zum größten Eigensinn getriebenen vortreflich gearbeiteten und geschmackvollen Korpus, als auch wegen seines ausserordentlich künstlichen, leichten und regelmäßigen Mechanismus, das einzige in seiner Art. So leicht, als das leichteste Klavikord, spricht es in allen Tönen, von der Tiefe bis in die Höhe, in der vollkommensten Gleichheit an; singt im Discant ganz flötenmäßig und silbern, und tönt im Baß bey abgestoßenen Anschlag wie ein Fagott. Ohne irgend einen Zug oder Tritt mit dem Fuße, womit sonst die gewöhnlichen Hammerinstrumentenmacher ihr Stark oder Schwach ausdrücken lassen müssen, kann vom sanftesten Pianissimo, von dem leisesten Hauch der Liebe, allmählig der Ausdruck zum erschütterndsten Fortissimo aufschwellen. Mit unbeschreiblicher Schnelligkeit schlagen die Hämmer an die Saiten, und fallen durch die geschwindeste Auslösung blizschnell wieder zurücke, und die Dämpfung ist dabey so herrlich gearbeitet, daß mit Abziehung der Hände sogleich alle Töne ganz abgeschnitten, stumm und todt sind. Ein Zug ist angebracht, durch welchen der Ton dem stärksten Flügelton ähnlich wird, und womit man ein Orchester von 50 Stimmen vollkommen begleiten kann."

    Das Instrument der Studiensammlung Musikinstrumente & Medien ist eines von 34 Hammerflügeln, die Schiedmayer seinem Notizbuch zufolge zwischen 1781 und 1799 gebaut hat (vgl. Latcham 2011, S. 98 f). Die Datierung 1798 ist einer bislang nicht weiter nachprüfgeprüften Aufzeichnung im Briefarchiv von Ulrich Rück entnommen (Göthel 1972, S. 107). Sollte sie stimmen, wäre das Instrument in Nürnberg gebaut worden, wohin der Klavierbauer 1797 umgezogen war, weil der Tischler, der für ihn die Instrumentengehäuse verfertigte, zuvor eben dorthin umgezogen war (vgl. Gerber 1814, Bd. 4, Sp. 66). So würde das Instrument zu den letzten drei Flügeln gehören, die er gebaut hat. Insbesondere der letzte Flügel, bestellt vom  Berliner Hofmaler Johann Heinrich Schröder, käme dann in Betracht, für den keine Angaben über Walnuss- oder Mahagoni-Furnier vorliegen. Denkbar ist aber auch, aufgrund der geografischen Nähe zu Stuttgart und der später aufnehmenden Sammlung Klinckerfuß, dass es sich um Instrument Nr. 12 für Schiedmayers Cousin Georg Leonhard Gebhard [vgl. Heiratsdatum] handelt, das nach Ohrnberg (Jagstkreis) bei Heilbronn geliefert wurde. Ohne weitere Indizien bleibt die Identität des Instruments jedoch unklar. Möglicherweise stammt es auch aus den Händen von Johann Davids Bruder Adam Achatius, der diesen Instrumententyp mit denselben Merkmalen ab 1797 ebenfalls gebaut hat (vgl. unten GNM MIR 1103; Gerber, Neues historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler, Teil 4, Leipzig 1814, Sp. 67).

    Umfang: F1–f3. 

    Gehäuse mit langer Wand, geschweifter Hohlwand und kurzer Wand. Gehäusemaße mit Sockel und Deckel: Länge 214,5 cm, max. Breite 98,4 cm, Höhe ca. 84,5 cm. – Zargenmaße mit Unterboden: Stärke lange Wand um 1,85 cm, kurze Wand um 1,60 cm, Hohlwand um 1,17 cm. Höhe mit Unterboden 22,9 cm. Winkel lange Wand zu Hohlwand 70°, Hohlwand zu kurzer Wand 104°.

    An den Boden angesetzte Fichtenzargen, innen mit Ahorn, Furnier aus Nussbaum mit Mittelfeldern aus Nussbaumwurzel; Rückwand ohne Furnier. Profilleisten aus schwarz gebeiztem Nussbaum, am Zargenende umlaufender Sockel aus Nussbaum, bei der Rückwand aus Fichte. Klavierbacken, Vorsatzbrett und Frontleiste mit Nussbaumfurnier, Rosenholzintarsien. Profilleisten wie bei den Zargen. Dreiteiliger Deckel mit Fortabschlussklappe aus Fichte mit Nussbaumfurnier. Deckelstützstab aus Ahorn (nicht original). Unterboden aus Fichte. Resonanztafel (gerissen, s. Zustandsbeschreibung unten) aus Fichte, Profilleisten aus schwarz gebeiztem Nussbaum. Steg (Nussbaum) S-förmig, Höhe 1–1,36 cm. 

    Notenpult aus Ahorn, strukturiert durch drei mittlere Querleisten, in den vier Mittelfeldern aufgespannte grüne Seidenfüllungen. Vier runde, kannellierte, sich verjüngende Nussbaumbeine.

    Klaviatur: Schwarz gebeizter Birnbaum für Backen und Obertasten, Knochenauflage bei den Obertasten; Untertasten mit Ebenholzauflage, Stirnkanten aus schwarz gebeizter Birne. Tastenhebel aus Fichte, Auflageböckchen aus Ahorn. Eingelassener Lederbelag an den Rückenenden der Hebel. Tastentiefgang ca. 0,55 cm. Tastenführung über Kanzellen (Messingstäbchen zwischen zwei Nussbaumleisten). Klaviaturrahmen aus Fichte, der die Klaviatur mit Mechanik erhöhende Schlitten aus Fichte, mit Seitenleisten aus Eiche. 

    Stimmstock aus Eiche mit Ahornauflage. Stärke 5,3 cm, Tiefe konstant 19 cm. Vor den Wirbeln sind mit Tinte Saitenstärkennummern notiert (siehe Bild). Steg aus schwarz gebeiztem Obstholz, Höhe (Bass bis Diskant) 1–0,95 cm. Anhängeleiste entlang der geschweiften Hohlwand aus schwarz gebeiztem Nussbaum, Höhe (Bass bis Diskant) 1,11–0,72 cm.

    Züge: Zwei Kniehebel, links Dämpferaufhebung, rechts Moderator. Moderatorleiste aus Fichte mit schwarzen Tuchstreifchen (neu). Der Moderator wird erst mit Betätigung des Kniehebels (rechts) aufgehoben. (Dies entspricht der Dramaturgie der Klangentfaltung in der Cramerschen Beschreibung: "forte" ist der zu entbergende Effekt.) Hebelei am Unterboden und im Klaviaturraum aus Fichte (Moderatorhebel innen neu), Gegendruck beim Moderatorhebel innen erfolgt durch Messingdrahtfeder (siehe Bild).

    Wiener Prellzungenmechanik (vgl. Standbildvideo unten). Hämmer rückwärts gewendet, Schnäbel aus Birne, Kerne aus durchbohrtem Nussbaum mit Lederschicht. Belederung wahrscheinlich erst später (vgl. Rupprecht 1954, S. 122 und Latcham 2010, S. 152). Birnbaumkapseln durch Eisendraht mit den Tastenhebeln verbunden. Auslöser (Prellzungen aus Birne) mit Lederscharnieren, die zwischen der unteren Kanzellenführungsleiste und einer darauf geschraubten Nussbaumleiste befestigt sind. Messingfedern, in der Auslöserleiste befestigt, auslaufend in Lederpolster an den Zungen. – Hebt sich das hintere Ende der Taste mit der darauf befindlichen Kapsel mit Achse, in der der Hammer aufgehängt ist, verfängt sich dessen hinteres Ende, der Schnabel im Absatz des federnd abgebrachten Auslösers ("Prellzunge"). So wird das vordere Ende gegen die Saite geschleudert. Zugleich hebt die Dämpferpuppe den darüber befindlichen Dämpfer von der Saite ab. Nach dem Anschlag fällt der Hammerkopf zurück auf den Fänger (rote Filzrollen).

    Zustandsbeschreibung des Instruments durch Volker E. Martin im November 2013.

    Vergleichsinstrumente: Nürnberg GNM, Inv.-Nr. MIR1102 (vgl. die Gesamtaufnahme der Klaviersonaten W. A. Mozarts mit Ludwig Sémerjian auf diesem Instrument). Grassi-Museum Leipzig Inv.-Nr. 174. Von Johann Davids Bruder Adam Achatius Schiedmayer (1745–1817): Nürnberg GNM, Inv.-Nr. MIR1103. Flügel Nr. 7 von 1783 (Privatbesitz Würzburg) im Claviersalon von Sylvie Ackermann und Georg Ott (Miltenberg) No.7. Bayerisches Nationalmuseum München. 

    Ein Hammerflügel von Schiedmayers Sohn Johann Erhard (Neustadt/Aisch ca. 1817) im "orgel ART museum rhein-nahe".

    Literatur: Margarete Rupprecht, Die Klavierbauerfamilie Schiedmayer, Diss. Erlangen 1954, S. 122 u. 183, Abb. 17/18. [PDF-Datei der Arbeit hier] – Musik in Bayern, Ausstellungskatalog Augsburg, Juli bis Oktober 1972, hrsg. von Volker Göthel, Tutzing 1972, S. 105–107 (Nr. 7). – Michael Latcham, Johann Andreas Stein and the search for the expressive Clavier, in: Cordes et claviers au temps de Mozart/Bowed and Keyboard Instruments in the Age of Mozart. Actes des Rencontres Internationales harmoniques, Lausanne 2006, hrsg. von Thomas Steiner, Bern u.a. 2010 (Publikationen der Schweizerischen Musikforschenden Gesellschaft. Serie II / Publicatons de la Société Suisse de Musicologie. Série II - Band 53), S. 133–216 (hier 152). – Michael Latcham (Hrsg.), Das Notizbuch von Johann David Schiedmayer und seinem Sohn Johann Lorenz. Faksimile - Transkription - Übersetzung, Wilhelmshaven 2011 (= Quellenkataloge zur Musikgeschichte 49). 

    {ow – 2014-11-21}

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