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    Quellentext zu Schröters Hammermechanik (1717/1739)

    Friedrich Wilhelm Marpurg, Kritische Briefe über die Tonkunst, Bd. 3, Teil 1 (1764), S. 81–87, 89–95, 97–104.

    CXXXIX. Brief.

    Neunzehnte Fortsetzung des Beytrags zur Historie der Musik.
    Berlin, den 20. August. 1763.

    Herrn Christoph Gottlieb Schröters, Organistens an der Hauptkirche in Nordhausen, umständliche Beschreibung seines 1717. erfundenen Clavier-Instruments, auf welchem man in unterschiedenen Graden stark und schwach, und so leicht als auf einem Clavichord spielen kann. Nebst zwo Abrissen.

    §. 1.

    Indem ich von meinem, 1717. erfundenen Clavier-Instrumente umständlich reden will: so fallen mir vorher folgende sechs zusammenhangende Gedanken ein:

    a) Seit Erschaffung dieser Welt sind von derselben vernünftigen Bewohnern fast unzehliche Dinge, theils zur Noth, theils zum Vergnügen, nach und nach erfunden worden.

    b) Obgleich die meisten Namen und Umstände solcher Erfinder uns unbekant sind, und vielen Lesern gleichgültig seyn wird zu wissen, ob z. B. Hinz oder Kunz das erste Colophonium gemacht: so ist doch höchst merkwürdig, daß in der so genannten Bibel die Namen und Umstände einiger Personen aufgezeichnet worden, welche etwas theils zur höchsten Noth, theils zum erlaubten Vergnügen erfunden. [82]

    c) Mir ist folglich nicht gleichgültig, lediglich aus göttlicher Offenbahrung (1 Buch Moses, Cap. 4 v. 21.) zu wissen, daß "von dem Jubal die Geiger und Pfeiffer herkommen sind. a Hieher gehöret auch folgende bekannte Rand-Glosse: "Unter den Geigern und Pfeifern werden alle Kayserliche, Königliche, Fürstliche, Gräfliche und andere Instrumental-Musiker verstanden."

    d) Man kann zwar nicht leugnen, daß viel gute Dinge lediglich durch einen blinden Zufall ohne selbige zu suchen, glücklich erwecket worden. Wissen wir nicht aus den mancherley Weltgeschichten zugleich, daß unterschiedene Sachen so gar von unvernünftigen Thieren zu unserer Nuzbarkeit entdecket oder gefunden worden? Es muß aber hiebey jedermann gestehen, daß ein solcher Umstand keine würkliche Erfindung, sondern nur ein glücklicher Fund sey, den die Natur gleichsam versteckt gehalten.

    e) Hingegen mit Vorsatz etwas neues erfinden, erfordert nicht nur viel Witz, sondern auch eine starke Urtheilskraft, um die mancherley Theile der vorhabenden Sache nach richtigem Maaß und Gewicht anzuordnen, und zugleich allen besorglichen Hindernissen und Unbequemlichkeiten vorzubeugen. Ein solcher wahrer Erfinder kann hierauf den versprochenen Gebrauch seiner bekannt gemachten Erfindung bey allen Vorfällen theoretisch und practisch beweisen.

    f) Die sonst nicht ganz verwerfende Nachahmung gereichet disfalls den unbesonnenen Menschen wie den Affen meistentheils zum Unglück oder zum Spott. Kaum hat z. B. Herr Sinnlich von ferne was neues überhin gesehen, oder Meister Hißig sich davon etwas erzehlen lassen: so verfertigen beyde solches auch, ohne sich einander zu kennen. Lächerlich ist hiebey, daß jeder sich für den Erfinder ausgiebt. Je weiter nun solche nacherfundene Dinge bekannt werden: je mehr blinde und taube Nachahmer erfolgen endlich. Denn einer bringt die Hauptsache verkehrt an; der andere versteht weder Zirkel noch Gewicht; der dritte sucht seiner Arbeit durch ungeschickte Auszierungen einen Schwung zu geben, u. s. w. Mit einem Worte: Die Nach-Erfinder müssen ihrer Arbeit nothwendig ein auslachenswerthes Unterscheidungszeichen geben, nach dem bekannten Sprüchwort: Duo cum faciunt idem, non est idem. [83]

    §. 2. Ich schreite ohne weitere Vorrede zum Zweck, und gebe erstlich die Ursache an, welche mir diese Abhandlung abgenöthiget. Zweytens will ich die Veranlassung zu meiner überall beliebt gewordenen Erfindung umständlich erzehlen. Drittens werde ich solche nach den zwo beygefügten Abrissen aufrichtig beschreiben. Das erste geschiehet dem allgütigen Gott zum schuldigen Preis, und meinen vielen Nacherfindern zur wohlverdienten Beschämung. Das zweyte zur mehrmals verlangten Erfreuung meiner in und bey Dreßden noch lebenden Gönner und Freunde. Das dritte der Nachkommenschaft zum Besten. Drey tüchtige Bewegungsgründe!

    §. 3. Mehr als zwanzig Städte und Dörfer sind mir bekannt, in welchen statt der sonst gebräuchlichen Clavicymbel seit 1721. solche Clavierinstrumente mit Hämmern oder Springern gemachet worden, welche, wenn der Schlag auf die Saiten von oben geschiehet, von ihren Verfertigern und Käufern Pantalons genennet worden. Wenn aber ein solches Instrument mit Hämmern so eingerichtet ist, daß die Saiten von unten angeschlagen werden, so nennen sie solches ein Pianoforte. Fraget man endlich einen jeglichen solcher Instrumentmacher, wer solches eigentlich erfunden: so giebt fast jeglicher sich für den Erfinder aus. Wer begreifet hier nicht das mehr als zwanzigfaltige Zeugniß von lauter Unwahrheiten? - - - Möchten doch alle diese Nacherfinder eben so in sich kehren, wie jener vor drey Jahren in P. . . verstorbene Instrumentenmacher, welcher 1742. folgende Worte an mich schrieb:

    „Mein werther Herr Schröter!

    Ich war in voriger Ostermesse etliche Tage zu Leipzig, und kaufte mir allerhand nöthige Sachen, da hatte ich Gelegenheit, sein Sendschreiben an den Herrn M. Mitzler durchzublättern, und ich fund darinnen die Nachricht, daß er Ao. 1717. diejenigen Instrumente erfunden, welche mit Hämmern die Saiten klingend machen. Ich las auch, daß der Herr auf diejenigen sehr böse ist, welche dergleichen Instrumente gearbeitet haben, und bey solcher Verkaufung niemals gemeldet haben, daß einer, mit Namen Schröter zu Dreßden, dieselben erfunden hat. Ich gestehe dem Herrn, daß ich hierüber auf duppelte Art sehr empfindlich geworden bin. Ich will in diesem schlechten Brief versuchen, ob ich den Herrn für meine Part mit folgender Nachricht wieder besänftigen kann, welches mir recht lieb seyn soll. Mein ältester Bruder [84] war Anno 1721. zu Dreßden bey dem Herrn Grafen von Vitzthum in Diensten, der überschickte mir zwey Abrisse von solchen Instrumenten mit Hämmern. Aber weil der Abriß mit dem Anschlage von unten mir dunkel war, so gab ich meinem Bruder die Schuld, daß er was dabey vergessen hätte, oder verkehrt gezeichnet hätte. Aber den andern Abriß kunte ich verstehen, und ich habe ihn freylich etliche mahl gearbeitet, denn mein Bruder schrieb mir zugleich, daß dieses duppelte Modell bey Hofe zwar großen Beyfall gefunden hätte. Weil aber der ihm unbekannte Erfinder weggezogen wäre, oder wohl gar gestorben wäre, so wolte er mich damit beschenken, indem doch sonst niemand davon was wüßte. Also hat
    der Herr hieraus meine Unschuld so weit vernommen. Wenn ich wieder solche Instrumente verkaufe, so will ich allezeit sagen, der Herr Organist zu Nordhausen mit Namen Schröter hat zu Dreßden es erfunden. Mehr wird der Herr von mir nicht verlangen können. Lebe der Herr wohl, dieses wünschet ihm

    Sein

    P. . .

    den 3. Junius, 1742.

    aufrichtiger Diener,
    – – –“

    Anmerkung:

    Voranstehender Brief hätte allerdings etliche Erläuterungen verdienet. Weil aber die Folge dieser Abhandlung alles deutlich machen wird, und ich nicht gewohnet bin, einerley Sache auf dem Blatte zu wiederholen: so erzehle ich nun zweytens die Veranlassung zu meiner Erfindung.

    §. 4. Schon 1715. hatte der damalige Capellmeister zu Dreßden, Herr Schmied, wie auch nachgehends der Herr Cantor Grundig mir als einem Creutzschüler unterschiedene Clavierscholaren, lauter Kinder vom hohen Stande, nach und nach verschaffet, bey welchen meine Unterrichtung zu Handsachen allezeit auf einem bundfreyen Clavichord geschehen mußte. Wenn nun diese Scholaren sich getrauten, ihre tactmäßig und manierlich erlernten Clavierstücke vor ihren Eltern und andern hohen Anwesenden auf einem Clavicymbel hören zu lassen: so klagten sie mir nach abgelegter Probe, daß ihr Spielen auf dem Clavicymbel nicht so gut als auf dem Clavichord ausgefallen wäre. Obgleich von mir erwiedert wurde, daß sie vielleicht zu blöde gespielet hätten, so mußte ich doch die vorige Klage wieder anhören. Dieser widrige Vorfall befohl mir Gelegenheit
    [85] zu suchen, die übergebnen Handsachen selbst auf einem Clavicymbel ingeheim zu spielen, welches kurz vorher von dem damaligen Hof-Orgelbauer, Herrn Gräbner, verfertiget worden. Allein was begegnete meinem sonst ruhigen Gemüthe! Bald wäre mir alle Lust zur Spielinformation vergangen. Denn ich hörte nicht nur, sondern fühlte auch selbst die Unmöglichkeit des manierlichen Spielens auf einem Clavicymbel. Mein Glück hiebey war, daß ich Tages drauf Gelegenheit bekam, diesen verdrüßlichen Vorfall dem Herrn Capellmeister Schmieden, welcher meine singmäßige und manierliche Spielart längst kennte, umständlich zu erzehlen. Er lächelte nach seiner leutseeligen Art darüber, und sagte: „Ich habe diesen Vorfall schon vermuthet. Kehre er sich an nichts. Gut gnug, daß nicht nur ich, sondern auch die Eltern seiner Scholaren mit ihm zufrieden sind.“ Anbey wies er mir ein Nürnbergisches Geigenwerk an, welches ich vorher niemals gesehen noch gehöret. Dieses gefiel mir aus leicht zu erachtenden Ursachen freylich etwas besser als das Clavicymbel; daß ich aber im Spielen auch zugleich als ein Leinweber mit beyden Füßen arbeiten sollte, dieß stund mir gar nicht an, und wie ich nachgehends erfahren, noch vielweniger andern Spielern männlichen und weiblichen Geschlechts.

    §. 5. Nicht lange hierauf bekam ich die längst erwünschte Gelegenheit, den Weltberühmten Virtuosen, Herrn Pantaleon Hebenstreit, auf seinem erfundenen Instrumente zu hören, welches mit Darm-Saiten bezogen ist, und mit Klöppeln wie ein Hackebret gespielet wird. Da ich nun hiebey sehr wohl bemerkte, daß vermittelst der unterschiedenen starken oder schwachen Schläge auf die Saiten auch derselben Ertönung in unterschiedenen Graden der Stärke oder Schwäche entstünde, so hielt ich für gewiß, es müsse mir möglich seyn, ein solches Clavierinstrument zu erfinden, auf welchem man nach Belieben stark oder schwach spielen könne. So leicht aber dieser Vorsatz genommen war: desto schwerer wurde mir desselben Bewerkstelligung, weil ich nämlich noch niemals etwas geschnitzelt, gesäget, gehobelt oder gedrechselt hatte, u. s. w. Andern Instrumentbauern mein Vorhaben zu entdecken, trug ich billig Bedenken. Endlich fiel mir bey, daß nicht weit von meiner Wohnung mein Vetter als ein Tischergesell in Arbeit war; denselben beredete ich, daß er mit Genehmhaltung seines Meisters in müßiger Zeit mir allerhand benöthigte Kleinigkeiten verfertigte. Durch diese Bewilligung erhielt ich endlich nach mancherley Versuchen auf einem schmal-langen Kästgen ein gedoppeltes Modell, welches überhaupt vier Schuh lang und sechs Zoll breit war. Anbey hatte es sowol hinten als vorne drey Tasten. In einer Gegend geschahe der Schlag an die Saiten von [86] unten, in der andern aber von oben. Beyde Arten waren so leicht als ein gewöhnliches Clavichord zu spielen. Auf jeglichem Modell konnte man starke oder schwache Ertönungen in unterschiedenen Graden hervorbringen.

    §. 6. Es fehlte also meiner Erfindung weiter nichts, als derselben gänzliche Ausarbeitung im großen, wozu aber mein Vermögen nicht hinlanglich war, welches öffentlich zu sagen kein redlicher Mann sich schämen darf. Jedermann muß zwar gestehen, daß in Deutschlands vielen Provinzen hin und wieder etliche nützliche Verfassungen zur Aufnahme der Wissenschaften und Künste anzutreffen sind. Man kann aber auch nicht läugnen, daß außerhalb Deutschland die Erfinder nützlicher Dinge
    jedesmal den benöthigten Vorschuß zur Vollendung ihres Vorhabens, und zuletzt nach Beschaffenheit der Umstände noch eine ansehnliche Belohnung empfangen. Wem ist wohl unbekannt, daß uns bey den meisten Verrichtungen noch viel nützliche und bequeme Dinge fehlen? Man besorge also nur für solche Erfinder den benöthigten Vorschuß oder eine billige Belohnung: so wird Deutschland in Absicht der Wissenschaften und Künste den Vorzug vor allen Ländern behaupten können. Hiebey aber erinnere ich mich meiner alten Ode:

    Flieht, patriotische Gedanken!
    Ihr zinset nicht, ihr zollet nicht. u. s. w.

    §. 7. Bey solchen Umständen sahe ich mich endlich genöthiget, mein Modell auf das königliche Schloß zu Dreßden tragen zu lassen, welches auch 1721. am 11 Februarii, früh zwischen 8. und 9. Uhr glücklich geschahe.

    Anmerkung:

    Sollte mancher Leser hiebey sich wundern, daß ich nach so langer Zeit von dieser Begebenheit nicht nur das Jahr, sondern auch den Tag und die Stunde noch anzugeben weiß, dem eröfne ich hiemit, daß ich auf Anrathen meines seel. Vaters mich von der Jugend an gewohnet, alle meine vergnügten und misvergnügten Zufälle richtig aufzuschreiben. Diese Sammlung war 1750. schon so stark angewachsen, daß der dazu erwählte auswärtige Verleger als mein Verwandter
    mich mundlich versicherte, es würde solcher, in seiner Gegenwart versiegelter Vorrath schon zwey Octavbände ausmachen; der vielen Zusätze zu geschweigen, welche seit selbiger Zeit jährlich nachgeschicket worden. Wie nun alles veranstaltet ist, daß solcher vollständiger Lebenslauf bald [87] nach meinem Absterben ausgegeben wird: also versichere ich, daß mancher Freund und Feind der holden Musik hohen und niedrigen Standes seine unvermutheten Anecdoten darinnen finden wird. Nun wieder zur Hauptsache!

    §. 8. Als ich in dem Königl. großen Vorzimmer etliche Minuten mich aufgehalten, so traten Ihro Königl. Majestät Höchstseel. Andenkens, in Begleitung des Grafen v. Vitzthum und etlicher Cammerherren aus Dero Cabinette. Sie nahmen allergnädigst mein Modell in die Hände, versuchten beyde Arten und fragten mich: Ob ich ein Landeskind sey? ingleichen: Wodurch ich dieser Erfindung veranlasset worden? welche beyde Fragen ich unerschrocken beantwortete. Hierauf ertheilten Ihro Majestät Befehl, daß mein Modell dableiben, und mehrgedachter Herr Capellm. Schmied gegen 10 Uhr bey Hofe erscheinen sollte. Als nun dieser meine Erfindung billigte, so eröfneten Ihro K. M. den allergnädigsten Entschluß, künftig Verfügung zu treffen, daß von dem Modell diejenige Art, bey welcher der Anschlag an die Saiten von unten geschiehet, von einem geschickten Instrumentbauer
    unter meiner Aufsicht vollkommen und zierlich ausgearbeitet werden sollte. Wer war froher
    als ich?

    §. 9. Durch Vermittlung des vorgenannten Herrn Capellm. Schmieds bekam ich in folgender Woche die Erlaubniß, Mittags bey königlicher Tafel auf einem Clavichord so wohl als auf einem Clavicymbel mich hören zu lassen. Hiezu erwählte ich aus meinen vorräthigen Claviersachen 1) ein Concert, und 2) eine Suite aus eigener Arbeit. Jegliches dieser Stücke spielte ich wechselsweise auf dem Clavicymbel und Clavichord, nämlich auf königlichen Befehl. Zuletzt mußte ich noch länger als eine Viertelstunde auf dem Clavichord aus freyem Geiste spielen oder fantaisiren. Ich übergehe jezt aus angebohrner Bescheidenheit die hierauf unverdient erhaltenen Gnadenbezeugungen, und erwehne nur noch, daß in des Königs Capelle damals schon viel Clavieristen stunden: weswegen Ihro Majestät allergnädigst meine Umstände so einleiteten, daß ich folgenden Tages bey dem damaligen Churprinzen mich ebenfalls wechselsweise auf dem Clavicymbel und Clavichord mußte hören lassen; wozu ich aber andere Stücke von eigener Arbeit erwählte. Als nun hierauf von einem mir sehr anständigen jährlichen Gehalt war gesprochen worden: so trat der damaligen Churprinzeßin vornehmste Hofdame oesterreichischer Abkunft, zu mir mit unterschiedenen bedenklichen Fragen, deren leztere aber ich, als ein gebohrner Chur-Sachse unmöglich bejahen konte, weswegen ich mir verstellter Weise etliche Tage Bedenkzeit ausbat.

    [89]

    CXL. Brief.

    Zwanzigste Fortsetzung des Beytrags zur Historie der Musik.
    Berlin, den 27. August 1763.

    §. 10.

    Dieser unerwartete Vorfall brachte mich zu dem festen Entschluß, (welcher bis diese Stunde mich noch nicht gereuet) mein zeitlich Glück ausserhalb Dreßden zu suchen. Als ich solches Vorhaben meinem höchstzuehrenden Gönner und Landsmann, dem Herrn Capellmeister Schmieden entdeckte, wollte er selbiges sogleich nicht billigen, mit Anrathen, dieser Sache Ausgang erst abzuwarten. Ich bemühte mich also etlichemal, mein Modell auf anständige Art wieder zu bekommen; jedoch vergebens: Folglich lässet sich leicht begreifen, wie meine doppelte Erfindung, nach meiner bald erfolgten Abreise aus Chur-Sachsen, so wohl in als ausserhalb Deutschlands ausgebreitet, und meistentheils unglücklich nachgemacht worden. Man erinnere sich hiebey, was ich bereits 1738 im Sendschreiben an M. Mizler wegen dieser Sache beyläufig erwehnet. (s. Mizlers musical. Bibliothek III. Band, Seite 474. bis 476.) Es ist mir keineswegs nachtheilig, sondern gereichet mir vielmehr zu Ehre, daß meine doppelte Erfindung an so vielen Orten ausgearbeitet und verkaufet worden. Es werden aber dergleichen Instrumentenbauer künftig sich nicht mehr gelüsten lassen zu sagen oder zu schreiben, daß sie selbst die Erfinder wären. Widrigenfalls beschimpfen sie nicht nur sich selbst untereinander, sondern es sollen ihre Namen gewiß öffentlich bekannt gemacht werden. Man lasse es also auch diesfalls bey der göttlichen Regel: Suum quique! [90]

    §. 11. Ich übergebe nun den ersten Abriß als eine Vorstellung desjenigen einfachen Modells, welches Ihro Königl. Maj. 1721 wegen seines sehr leichten Anschlages von unten an am meisten gebilliget, und gemeiniglich ein Pianoforte genennet wird.

    Erklärung des ersten Abrisses:

    A - A ist die Tastatur.

    B und C sind die Stege, auf welchen die Tasten liegen. Anbei ist wohl zu merken, daß auf dem hintersten Stege C vorne eine Reihe gleich abgetheilter starken Stiffte stehen müssen, zwischen welchen nicht nur die Hintertheile der Tasten, sonder auch die bey E vorkommende Treiber ihren gewissen Gang erhalten: Folglich müssen diese starken Stifte genau bis an I sich erstrecken.

    D ist ein auf der Taste befestigter kleiner Aufsaz, welcher im Spielen seine Grenze unter der Wirbelpfoste findet, und folglich so einzurichten ist, daß die Tasten im Spielen vorne nicht tiefer als auf einem Clavichord fallen können. [91]

    E - E nenne ich den Treiber, welcher vom leichten Holze und nicht dicker als ein Clavicymbel-Tangent seyn darf. Sein langer Vordertheil lieget auf der taste, und findet im Spielen seine Grenze unter I. Hingegen sein kurzer Hintertheil hänget an einem Stifte, welcher auf dem hohen Stege bey

    F angedeutet ist. Wie die rechte Höhe dieses Steges schon zu ersehen: also darf man dabey nicht vergessen, von desselben Hintertheile oben, schief unterwerts, etwas abzunehmen, weil daselbst der Treiber muß niederfallen können. Uebrigens muß dieser Steg auch schmal seyn, damit die Taste den Treiber ganz nahe an seiner Einanglung in Bewegung bringen könne, welcher Umstand den Trieb sehr verstärket.

    G ist eine kleine Leiste, welche nebst der Taste den Treiber auf- und niederwärts regieret. Weil sie unter dem starken Stege K stehet, so hat man in derselben Mitten keine Aufbeugung zu befürchten.

    H ist der Hammer von sehr leichtem Holze und nicht dicker als ein Clavicymbel-Tangent. Er bekommt jedoch am abwerts hangenden Ende einen Aufsatz zum Anschlagen oben von Elends- oder Hirschleder. Dieser schief hangende Hintertheil des Hammers schlägt (vermittelst des Springers bey L) so an die Saiten, daß er gleich wieder um etwas zurück tritt, obgleich die Taste noch niedergedrückt bleibet. Hätte ich diesen Hauptumstand bey der Erfindung nicht erlanget, so würde mein Vorhaben vergeblich gewesen seyn, und statt einer deutlichen Ertönung nur ein unleidliches Knarren und Schwirren entstanden seyn.

    Anmerkung:

    Uebrigens ist leicht zu erachten, wie nothwendig jedes Saitenchor einen Dämpfer zur Tilgung des Zwischengeräusches habe, welchen ich auch bey dem kurzen Vortheile des Hammers glücklich angebracht, indem ich selbigen oben, wo er außer dem Spielen dichte an den Saiten lieget, mit Sammet oder Plüsch beleget.

    I ist ein hoher schmaler Steg, oben rund, mit einer Reyhe Stifte zur Einhangung der Hämmer. Dieser Steg stehet etwas entfernt von der Wirbelpfoste. Ueber der niedrigen Helfte der hier noch stehenden Dämpfer lieget ein zartes Leistgen, welches (zwar nicht auf dem Abrisse zu ersehen, jedoch) an beyden Enden, wie auch in der Mitten drey bis viermal mit Schräubgen und Müttergen befestiget werden muß: Widrigenfalls könnten die Hämmer keinen [92] gewissen Stand halten. Daß übrigens unter diesem Stege die bey E beschriebenen Treiber im Spielen ihre Grenze finden, darf nicht vergessen werden.

    K ist ein starker viereckigter Steg, auf welchem die schief hangende Untertheile der Hämmer außer dem Spielen ruhen können. Er bekommt übrigens eine Reyhe gleich abgetheilter starken Stifte, deren Länge fast bis an die Saiten sich erstrecket, weil nämlich die Hämmer im Spielen ihren gewissen Gang zwischen ihnen haben müssen.

    Anmerkung:

    So bekannt mir ist, daß etliche meiner Nacherfinder, anstatt derer jetzt bey I und K beschriebenen Stege, mancherley vermeynte Verbesserungen vermittelst zierlicher Kammhölzer unternommen: eben so bekannt ist an unterschiedenen Orten, daß durch solche verkünstelte Veränderungen, bey abwechselnder Witterung, die Hämmer entweder oben in dem Kammholze stocken, oder unten wegen des verfehlten Gewichts sich krümmen. Wer bemerket hier nicht den doppelten Beweis von mangelnder Ueberlegungskraft? Das heisset nach meinem ehemaligen Ausdrucke: Witz ohne Nachdenken ist halber Unverstand.

    L ist der Springer zwischen I und K, unterschiedshalber mit lauter Puncten angedeutet. Er ist ebenfalls wie sein Treiber bey E von leichtem Holze, und nicht dicker als ein Clavicymbeltangent. Dieser Springer ruhet auf des Treibers langem Vordertheil, und findet seine Rechthaltung zwischen zwo Reyhen kurzer dünner Stiftgen, welche in dem starken viereckigten Stege K stehen, und herüber bis an den Steg I hervorragen.

    Erste Anmerkung:

    Hätten meine Nacherfinder von der bisher erwehnten dreyfachen Leichtigkeit des Treibers bey E, des Hammers bey H, und des Springers bey L zulängliche Einsicht oder Nachricht gehabt: so würden sie nicht schwer Holz aus der Walkmühle zu ihren Nachahmungen genommen haben.

    Zweyte Anmerkung:

    Nicht nur aus herzlichem Mitleiden für meine viele verunglückte Nacherfinder, sondern auch der Nachwelt zum Besten entdecke ich folgenden [93] mechanischen Vortheil: Wofern die Hintertheile der Tasten schon so schwer sind, daß sie ohne Treiber und Springer auf dem Hinterstege C gerade und sehr feste liegen: so ist der wahre Zweck durchgehends verfehlet. Folglich muß ein richtiges Gewicht hiebey beobachtet werden: Widrigenfalls kan ein solches Instrument unmöglich so leicht als ein Clavichord zu spielen seyn.

    §. 12. Die vorher vom A bis L beschriebene Theile werden sämtlich auf den Clavierrahmen gebauet, welcher folglich so einzurichten ist, daß er als eine vieltheilige Maschiene bey allen Vorfällen unter der Wirbelpfoste bequem könne ein und ausgeschoben werden; wovon weiter unten ein mehrers. Ferner müssen alle Gegenden, in welchen ein Aufstoß oder Niederfall geschiehet, mit wollreichem Tuche beleget werden, um das verdrüßliche Klappern zu vermeiden. Wie ich übrigens nicht leugne, daß hier unterschiedene Tonveränderungen z. B. der Lauten- oder Harfenzug u. d. gl. sich anbringen lassen: also gestehe ich auch, daß ich kein großer Freund von solchen Nebenzügen bin, indem selbige selten von langer Dauer sind.

    §. 13. Noch fünferley Dinge befinden sich auf dem vorhabenden ersten Abrisse, welche erkläret werden müssen:

    M ist die starke Wirbelpfoste.

    N ist der Saitengang.

    O ist ein schmaler Steg mit zarten Stiftgen zur richtigen Lenkung der Saiten. Daß dieser Steg mit Drat müsse beleget werden, erhellet aus der Folge.

    P ist ein starker eiserner Steg, unten rund und überall glatt, unter welchem die Saiten, feste anliegend, ihren Gang über O bis zu den Wirbeln haben. Dieses Widerstandseisen ist höchst nothwendig: Denn ohne solches würden die Hämmer nur einen matten Klang verursachen, sonderlich an den hohen und mittlern Chören, wie man durch angestellte Versuche sich selbst überzeugen kann. (Wollte man statt solches Eisens etwa Holz nehmen, so würde selbiges in der Mitten sich bald biegen, und endlich gar zerbersten, folglich [94] alle Arbeit vergeblich seyn.) Zur Befestigung dieses Eisens wird außerhalb des Instruments in angewiesener Gegend am jeglichen Seitenbrete ein aufwerts stehendes Eisen mit Schrauben angebracht, welches zugleich ein paar Zoll breit unter dem Grundboden umgeleget und ebenfalls eingeschraubet ist, wodurch das Ausreissen der Seitenbreter zugleich verhindert wird. Diese beyden aufwerts stehende Eisen haben oben starke Schrauben, in welche man das lange Widerstandseisen leget, und mit starken Müttergen verwahret.

    Anmerkung:

    Daß dieses Widerstandseisen an der Baßseite nicht über das Ende der Wirbelpfoste, sondern, wie der schmale Lenkungssteg bey O, fast über die Mitten der Pfoste zu stehen komme, kann jeder Mechanicus ohne weitere Erklärung von selbst leicht erachten.

    Q - Q durch die kleinen Querstriche verstehe ich die vier Unterschubleisten, wodurch der unter der Wirbelpfoste eingeschobene Rahmen als eine vieltheilige Maschine auf beyden Seiten so hoch gestellet werden muß, daß die an den Hämmern angebrachte Dämpfer genau an den Saiten liegen. Wenn man nämlich unter jedes Seitenstück des Rahmens nach und nach zwo solcher Leisten stecket, so kann das bisweilen nöthige Aus- und Einschieben am leichtesten bewerkstelliget werden. (Es wird auch nicht schädlich seyn, mitten unter dem Rahmen eine solche Leiste zu schieben, damit bey starkem Spielen der Tasten der vordere Ruhesteg sich nicht niederbiegen könne.)

    §. 14. Wer nun den bisher erklärten ersten Abriß im großen ausarbeiten will, dem gebe ich den wohlmeynenden Rath, sich vorher ein Modell zu verfertigen, auf welchem nicht nur der Rahmen wenigstens mit drey Tasten, sondern auch alle vorher beschriebene Theile nach ihrer wahren Größe sich befinden: Widrigenfalls hat er zu befürchten, daß ihm bald dieses bald jenes Theilgen nicht gerathen werde.

    §. 15. Wegen der Stärke und Anzahl der Saiten gebe ich folgende ohnmaaßgebliche Eintheilung, welche ehemals bey Verfertigung solcher langmensurirten Clavierinstrumente unter meiner Aufsicht gebrauchet worden, wobey jedoch bisweilen etliche kleine Abänderungen erfolgen. [95]

    Wollte man ein solches Instrument durchgehends zwey- oder drey- oder vier-chöricht einrichten, so würden die etwas entfernten Zuhörer zwar die tiefen, aber nicht die hohen Töne deutlich vernehmen können. Diese Anmerkung gründet sich nicht nur insbesondere auf meine vieljährige Erfahrung, sondern überhaupt auf die Physik.

    [97]

    CXLI. Brief.

    Ein und Zwanzigste Fortsetzung des Beytrags zur Historie der Musik.
    Berlin, den 3. September 1763.

    §. 16.

    Sehr bedenklich ist mir gewesen, daß keiner meiner Nacherfinder das im §. 13. bey Litera P. beschriebene Widerstandseisen nachgemacht. Vielleicht hat Signor Bartolomeo Christofali zu Florenz oder ein anderer sinnreicher Mann zu Dreßden durch solche Abänderung die Welt überreden wollen, daß niemals einer, Namens Schröter mit Erfindung eines solchen Clavierinstruments sich beschäftiget. Weil ich wohl weiß, daß wenig Instrumentenbauer von solcher unnöthigen Abänderung zulänglich Nachricht haben: so will ich selbige hier deutlicher beschreiben, als von dem ehemaligen Dreßdenschen Hofpoeten, Herrn König in Matthesons musikalischen Kritik, II. Band, Seite 340. geschehen können. Man hat nämlich die Wirbellöcher auf der Pfoste von oben durch und durch gebohret, und zwar oben etwas weiter als unten. Des Wirbels Untertheil raget unter der Pfoste etwas hervor, und hat ein kleines rundes Loch, durch welches das Ende der Saite mit einer Hand gestecket und gehalten wird. Hierauf wird mit der andern Hand des Wirbels Obertheil, welcher über der Pfoste ebenfalls etwas hervorraget, mit dem Stimmhammer so lange behutsam umgedrehet, bis die Saite ziemlich gerade stehet, jedoch noch nicht straff ist. Endlich leget man die Saite an ihren Richtungsstift unter dem Lenkungsstege, welcher unter der Pfoste hinter den Wirbeln etwas entfernet stehet, und besorget zuletzt nach und nach die reine Stimmung. - - Soll ich von dieser unnöthigen Abänderung, welche allerliebst aussiehet, meine ungeheuchelte Meynung sagen, so lasset sich zwar nicht läugnen, daß durch solchen Gegenschlag der Hämmer an die Saiten [98] die gesuchte stärkere Ertönung ebenfalls wie durch mein Widerstandseisen entstehe. Wenn man aber dagegen betrachtet, wie verdrüßlich das lange Bücken beym Aufziehen einer einzigen Saite schon sey, wobey auch der geschmeidigste Rücken ziemlich Schmerzen empfindet; zu geschweigen daß die ganze Maschiene wegen einer fehlenden Saite jedesmal aus- und eingehoben werden muß; anderer Ungemächlichkeiten nicht zu gedenken; so muß man einem vorher beschriebenen eisernen Widerstandsstege allerdings den Vorzug geben, indem durch selbigen nicht nur die Ertönung doppelt verstärket wird, sondern auch die Saiten, wie auf den sonst gewöhnlichen Clavicymbeln, ganz bequem ohne Aus- und Einheben der Maschiene und ohne Rückenschmerzen aufgezogen werden können. - - Auch dieser Vorfall beweiset vollständig, daß ich, als Erfinder des hier umständlich beschriebenen Clavierinstruments, den von dem allweisen Gott mir zum Vorhaben gütigst geschenkten Witz und die Urtheilskraft zu den mancherley entstehenden Folgen mensch möglich angewendet habe. Man erinnere sich hiebey zugleich der am Ende des §. 11. beygefügten zwo Anmerkungen wegen der sonderbaren Leichtigkeit der Tastatur, oder des ganzen Grifwerkes. Es müssen also meine Nacherfinder sämtlich sich schämen, daß sie die von mir richtig bestimmten mancherley Hauptabsichten fast durchgehends verfehlet haben. - - Zugleich müssen derselben Unterhändler als getreue Nachbarn und desgleichen sich schämen, daß sie für ihre leichte und ehrvergessene Bemühung sich jedesmal ein bundfreyes Clavichord von fünf Oktaven, ohne Wissen des Bezahlers, umsonst zum beliebigen Gebrauch oder Verkauf ausbedungen und angenommen. Der dafür gebührende Seegen von Gott erfolget ganz gewiß, welchen ich ihnen weder wünsche
    noch gönne.

    §. 17. Wie ich bisher mein 1717 erfundenes Pianoforte umständlich beschrieben, also sollte nun das oben erwehnte Modell zum Pantalon ebenfalls gezeiget und erkläret werden. Ich muß aber hiebey aufrichtig gestehen, daß solche Erfindung aus zweyerley Ursachen mir selbst niemals recht gefallen: 1) wegen der gewundenen meßingenen Federn, welche nach starkem Spielen leicht schlapp werden, folglich ausgehoben und wieder angestrenget werden müssen: 2) wegen des unbequemen Aufziehens und Stimmens der Saiten, wobey nämlich die ganze Maschine jedesmahl ausgehoben werden muß. Ich will also mit solcher unvollkommenen Erfindung meinern Lesern nicht beschwerlich seyn, sondern nur im vorbeygehen zweyerley erwehnen: 1) daß die Nacherfinder einen Hauptfehler begangen, indem sie die Dämpfer dabey vergessen, wodurch also bey Spielung der Handsachen ein höchstverdriesliches Geräusche entstehet. 2) hat kein einziger Nacherfinder das rechte Fleckgen zur Stellung der Federn unter den Hämmern [99] getroffen: wodurch sie also öffentlich bezeuget, daß sie weder Zirkel noch Gewicht verstehen. Ehre gnug für mich!

    §. 18. Ich ergreife nun den versprochenen zweyten Abriß, dessen Veranlassung ich vorher erzehlen muß. Ein auswärtiger hoher Gönner und Kenner der Musik, welcher sich 1737 ein Clavierinstrument (nach dem ersten Abriß, §. 11. bis 15.) unter meiner Aufsicht hatte verfertigen lassen, bekam 1739 des Hrn. Capellm. Telemanns Beschreibung der in Paris vom Pater Castel erfundenen Augenorgel von mir zum Durchlesen. Er fragte mich hierauf: Ob solche Augenbelustigung auch bey dem Pianoforte anzubringen sey? Zur schuldigsten Antwort bat ich mir etliche Tage Bedenkzeit aus, worauf ich den hieher gehörigen Abriß vorzeigte, welcher auch ohne Schaden der Hauptumstände glücklich beygefüget wurde. Da mein Vorhaben nicht verstattet umständlich zu melden, daß und wie ich die vorgedachte Augenbelustigung so gar im gewöhnlichen Clavicymbel auf wiederholtes Verlangen schon dreymal glücklich angebracht: so schreite ich nun zur

    Erklärung des zweyten Abrisses:

    A - A ist die Tastatur.

    B ist der auf jeder Taste hinten befestigte Aufsatz, nur vom weichen Holtz. [100]

    C und D sind die beyden Stege zur Lage der Tasten.

    E - E ist der Treiber vom leichten Holtze, und nicht dicker als ein Clavicymbel-Tangent. Sein langer Hintertheil ruhet auf dem bey B genannten Aufsatze; hingegen dessen kurzer Vordertheil lieget ausser beim Spielen genau unter der Wirbelpfoste an, daß er im Spielen sich niederwärts beweget, mithin den über dem langen Vordertheile schwebenden Springer oder Hammer schnell an die Saiten treibet, welcher Springer jedoch sich sogleich von den Saiten entfernet, ob gleich die Taste noch niedergedrückt bleibet.

    F ist ein zur Einangelung des Treibers bey E langer starker Stifft, welcher auf der Taste gerade vor dem Aufsatze also stehet, daß er im Spielen die Wirbelpfoste nicht berühret. Anbey ist leicht zu erachten, daß zur Gleichhaltung der Tasten und Treiber starke Stiffte auf dem bey D angezeigten Stege stehen müssen, deren Länge sich bis an den Hintertheil des bey G - G vorkommenden Kammholzes erstrecket.

    G - G ist das Kammholz zur Gleichhaltung der Springer. Solches kann auf unterschiedene Art, am leichtesten aber so verfertiget werden, daß auf der innern Seite des Vordersteges zwo gleich abgetheilte Reihen kurzer dünner Stifftgen stehen, welche bis an den Hintersteg sich erstrecken, zwischen welchen also die Springer ihren bequemen Gang haben.

    §. 19. Wegen der Befestigung des jetzt beschriebenen Kammholzes (G - G) ergehet mein ohnmaaßgeblicher Rath, daß man solches in angewiesener Gegend auf dem grossen Stege bey D mit Schräubchen und Müttergen so anbringe, daß solches benöthigtenfalls könne ausgehoben werden, und doch auch nebst dem ganzen Rahme bey allen Vorfällen bequem aus- und eingeschoben werden könne. Zugleich muß man bey Einrichtung der ganzen Maschine die schon angezeigten zwo Hauptumstände nicht vergessen: 1) daß die unten bey M - M folgenden Unterschubsleisten so eingerichtet werden müssen, damit die kurzen Vordertheile der Treiber bey E - E genau unter der Wirbelpfoste zum behenden Niederdruck bereit liegen; 2) daß die starken und langen Stiffte vom Hintertheile D bis unter den Hintertheil G völlig reichen.

    §. 20. H - H - H ist der Springer oder Hammer nach seinem Unter- Mittler- und Obertheil, vom leichten Holz und nicht dicker als ein Clavicymbel-Tangent, welcher auf dem Abrisse Unterschieds halber mit lauter Püncktgen angedeutet ist. Er wird in das Kammholz bey G - G von oben so eingehangen, daß sein viereckigter Ausschnitt zur linken Hand kommt, übrigens aber unten auf dem Treiber E - E nicht feste stehet, sondern nur über demselben schwebet. [101] Hiebey ist noch sechserley zu bemerken:

    1) Der die Saiten berührende untere Ausschnitt wird mit Elends- oder Hirschleder beleget.

    2) Der auf der Saiten liegende obere Ausschnitt wird zur Dämpfung des verdrüßlichen
    Zwischenklingens mit Sammet oder Plüsch beleget.

    3) Ferner werden die auf den Saiten liegende Obertheile, welche schon ausser dem Spielen bis an die Decke des Instruments reichen müssen, über und über mit weissem zarten Pergament beleget, auf welches die mancherley Farben getragen werden, zu welcher Arbeit aber kein Gurken- oder Groteskenmahler zu erwählen ist.

    4) Diese bemahlten Obertheile der Springer stehen ausser dem Spielen in einem über den Saiten liegenden durchbrochenen Stege ganz verborgen, und werden im Spielen aufwärts getrieben, folglich, sichtbar gemachet, welcher Hauptumstand diesen zweyten Abriß veranlasset.

    5) Um den Abriß nicht undeutlich zu machen, ist der durchbrochene Steg nur mit Worten angedeutet worden. Er bestehet eigentlich aus zwey gleichen Theilen, welche zusammen und von einander geschraubt werden können. Auf der innern Seite eines Theils stehen zwo Reihen zarter Stifftgen, welche bis an den andern Theil herüber reichen, zwischen welchen also die bemahlten Obertheile der Springer wegen ihrer Länge sich nicht verschlagen können.

    6) Bey Aufziehung einer neuen Saite halte ich für rathsam, daß man nicht nur den durchbrochenen Steg, sondern auch den einzelnen Springer behutsam herausziehe, wenn nämlich die zur rechten Hand benachbarte Saiten, zumal in kurzen Chören, vorher ein wenig zurücke gewirbelt worden; widrigenfalls könnte des Springers bemahlter Theil leicht verletzet werden. Uebrigens kan die Maschine bey Aufziehung und Stimmung der Saiten allezeit unverrückt stehen bleiben.

    Endlich folget noch auf dem Abrisse bey

    I die Wirbelpfoste.

    K ist der schmale Steg zur Lenkung der Saiten.

    L ist das über den Saiten liegende Widerstandseisen, welches ebenfalls so eingerichtet
    wird, wie im vorigen Abrisse beschrieben worden. [102]

    M - M sind die Unterschubsstege. Was übrigens bey Erklärung des ersten Abrisses im §. 13. 14. und 15. wegen dieser und anderer Dinge umständlich gemeldet worden, muß auch hier genau beobachtet werden.

    §. 21. Wie ich meinem obigen Versprechen zufolge in dieser Abhandlung umständlich erwiesen, daß ich seit 1717. der erste gewesen, welcher statt der in Clavicymbeln gebräuchlichen Tangenten mit bald abzunutzenden Federn, die dauerhaften Hämmer oder Springer glücklich angebracht: also kan ich anbey nicht umhin, einen Vorwurf abzulehnen, welcher mir mehr als einmal fast spöttisch überschrieben worden, folgendes Inhalts: "Die bey starker Musik so lange Jahre üblich gewesenen Clavicymbel werden dennoch beliebt bleiben, wenn auch Schröter oder andere Neulinge solche aus dem Orchester zu verbannen gesuchet." Mir wenigstens ist solche Verbannung niemals in die Gedanken kommen, als der ich die Absicht und Güte eines tüchtigen Clavicymbels richtig zu beurtheilen weiß. Dagegen aber muß man mir und andern wahren Clavieristen auch erlauben zu behaupten, daß es sogar auf dem besten Clavicymbel unmöglich sey, das geringste Stück so manierlich herauszubringen, als es seine Eigenschaft erfordert. Anbey erinnere ich mich der, 1753. unverhoften Gnade, vor Ihro Hochfürstl. Durchl. zu Schwarzburg-Rudolfstadt, bey Dero damaligem Aufenthalte in Frankenhausen, auf einem Pianoforte, mit Beyfall ohne Ruhm zu melden, mich etlichemal hören zu lassen. Als Ihro Hochfürstl. Durchl. beyläufig erwehnten, daß solches Instrument von einem sinnreichen Mann zu Dreßden erfunden und verfertiget sey: so gestund ich, daß der Klang und überhaupt die ganze Arbeit unverbesserlich sey. Zugleich aber zeigte ich als wahrer Erfinder, daß die Tastatur noch ziemlich zach oder schwer zu spielen sey; hingegen nach meiner Art so leicht als auf einem Clavichord eingerichtet werden könne: welche gegründete Anmerkung höchst gnädig aufgenommen wurde. - - - Seit etlichen Jahren hat ein in Rudolfstadt wohnender Mechanicus, Herr Lencker, zwo solche große Instrumente hierher geliefert, deren nette Arbeit und feiner Klang jedermanns Beyfall erhalten. Ich habe dabey Gelegenheit gehabt, diesem sehr geschickten Manne zu sagen, daß die Tastatur nicht so leicht eingerichtet wäre, als sie nach meiner Art billig seyn sollte; worauf der liebe Mann erwiederte, daß solche Arbeit nicht von ihm erfunden, sondern nur eine Nachahmung desjenigen Instruments sey, welches der gnädigste Fürst von Rudolstadt vor geraumen Jahren von Dreßden sich verschrieben lassen. Mit solcher ehrlichen Antwort war ich vollkommen [103] zufrieden und dachte: Solchen Glauben habe ich bey andern noch niemals gefunden. Man erkennet zugleich aus diesen beyden Umständen, was für kurzweilige Histörgen auf die mancherley Nacherfindungen (§. 3.) einer einzigen wahren Erfindung erfolgen. Jedoch vielleicht gehen solche nun bald zu Ende, wenn nämlich die Herrn Instrumentbauer nach und nach von dieser Abhandlung auch Nachricht und zugleich die Versicherung erhalten, daß vorher erklärter zweyter Abriß nicht nur mir, sondern auch andern Einsichts-vollen Kennern, aus vielen Ursachen besser als der erste gefällt. Denn gesetzt auch, daß die von mir beygefügte französische Augenbelustigung nicht von jedermann beliebet würde: so kan doch jedermann leicht bemerken, daß ich durch die dort abgekürzte Einrichtung das 1717. erfundene leichte Spielen auf großen Clavierinstrumenten 1739. noch mehr befördert habe.

    §. 22. Vielleicht hegt mancher Leser hiebey folgenden Gedanken: "Da nachher der berühmte Mechanicus, Herr Hohlfeld in Berlin, den Bogen-Flügel erfunden, so wird Schröters Hammer-Flügel wohl nach und nach aus der Mode kommen." Hierauf antwortete ich: Es wird mir ein großes Vergnügen erwecken, wofern bey allen musikalischen Vorfällen ein Bogen-Flügel anzutreffen, wie solchen der um die Beförderung der Musik unermüdete Herr Marpurg (in seinen historisch-critischen Beyträgen, Band I. Seite 169. bis 172.) nach seinen Hauptumständen ohne Abriß beschrieben. Ueberdieß bezeuget diese Abhandlung durchgehends, daß solche keineswegs zum Nachtheil des Hohlfeldischen Bogen-Flügels, sondern nur eines theils (§. 2.) zur wohlverdienten Beschämung meiner vielen Nacherfinder ausgegeben worden. Anbey weiß jedermann, daß ich bey meiner Erfindung mich nicht weiter anheischig gemacht, als daß auf großen Clavierinstrumenten das Piano und Forte in unterschiedenen Graden so leicht als auf einem Clavichord erfolgen könne; welches Versprechen ich auch vollkommen geleistet. Weiter ist auch bekannt, daß meine Erfindung nicht nur zur manierlichen Spielung vorliegender Handsachen und zum Gemüthsbewegenden Fantaisiren, sondern auch zum Accompagnement starker Musiken könne gebrauchet werden. Folglich werden meine Leser mir nicht übel deuten, diesen Aufsatz mit folgender wohlgemeynten Anmerkung zu beschlüssen: Nach bekannt gewordener Hohlfeldischen Erfindung wurde in etlichen Wochenblättern gemeldet, es könne das dabey befindliche Rad entweder von einem dazu bestellten Knaben, oder auch von dem Spieler selbst, gar leicht umgetrieben werden. Ob aber die Umstände in jeder Haushaltung verstatten, einen solchen Hülfsknaben jedesmal so gleich zu haben; ingleichen, [104] ob die zweyte Bemühung jeglichem Spieler (ich will nicht sagen: jeder Spielerin) bequem oder anständig sey, wird von vielen gezweifelt. Nach meinem Begriffe von dieser vortreflichen Erfindung ist es möglich, daß solches Rad lediglich vermittelst der Tastatur, ohne Füsse oder Hülfsknaben, zur beständigen und leichten Bewegung könne gebracht werden. Sollte mein ohnmaaßgeblicher Vorschlag künftig ausgeführet werden, so ist das Clavierinstrument zur mensch-möglichen Vollkommenheit gebracht. Gnug!

    {2015-02-04; Texterfassung: Annika Dannhauser}

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