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    Abguss-Memorial (1999) im Treppenhaus der Würzburger Dommusik

    Vier Fragmente von Georg Joseph Voglers Grabstein – Div 1

     

    ABT G: J: VOGLER
    GEISTLICHER GEHEIMER RATH
    GEB. ZU WÜRZBURG
    XV. JUNI MDCCXLIX
    GEST. ZU DARMSTADT
    VI. MAI MDCCCXIV
    LIEGT UNTER DIESEM GRABSTEIN
    DEM VORZÜGLICHSTEN TONGELEHRTEN
    UND GEISTVOLLEN COMPONISTEN
    LUDEWIG G: H: V: H:

     

    Am 6. Mai 2014 jährt sich zum 200. Mal der Todestag des in Würzburg geboreren Komponisten,  Theoretikers, Lehrers und Orgelbaureformators, einer der schillerndsten und ideereichsten musikalischen Persönlichkeiten zwischen Spätaufklärung und Frühromantik von europäischem Format.

    Vogler, geboren 1749 in der Würzburger Pleich als Sohn des Instrumentenbauers Johann Georg Vogler, erhielt eine erste musikalische Ausbildung unter Ignaz Franz Xaver Kürzinger am Juliusspital. Nach einem Studium der Theologie in Bamberg. 1770 trat er die Stelle eines Hofkaplans am Mannheimer Hof Karl Theodors von der Pfalz an und verstand es geschickt, seine musikalischen und musiktheoretischen Talente so auszuspielen, dass er 1773 die Förderung für eine Aubildungsreise nach Italien zu Padre Martini (Bologna) erhielt. Nach seinem späten Bericht im "System für den Fugenbau" hielt es Vogler für unwahrscheinlich, dass er bei dem nach konservativen Methoden (Fux) musikalischen Satz lehrenden Martini etwas lernen konnte und wandte sich an den Paduaner Francesco Vallotti, der jene Richtung der italienischen Musiktheorie vertrat, die Anschluss an eine Harmonielehre nach Rameau suchte. In Rom fand Vogler Aufnahme in die Accademia Arcadia und konnte sich nach der Priesterweihe rasch mehrere in der katholischen Kirche wichtige Ehrentitel erarbeiten, die er fortan bei allen Veröffentlichungen stolz anführte. Zurückgekehrt, konnte Vogler durch sein organisatorisches Geschick ab 1776 die Endphase der Musikkapelle Karl Theodors in Mannheim v.a. in der systematischen Musikausbildung auf seine Person zentrieren. Vogler folgte dem Umzug des Kurfürstlichen Hofes nach München 1778 nicht. Vielmehr siedelte er 1780 nach Paris um, um sein Musiksystem an zentraler Stelle fortzutreiben, was jedoch (trotz einiger Achtungserfolge mit tonmalerischen Konzerten an der Orgel von St. Sulpice und weniger erfolgreicher Opernaufführungen) scheiterte.

    1786 verhalf ihm sein im europäischen Rahmen erworbener Ruhm zur Anstellung als Kapellmeister am Hof Gustavs III. von Schweden in Stockholm. 1788 traf er in Petersburg den dänischen Orgelbauer Kirsnick, der begonnen hatte, Register mit durchschlagenden Zungen in Orgeln einzubauen, was Vogler ab den 1790er Jahren bei vielen Orgeln, die er bespielte, neben Differenzton- (bzw. Aliquoten-)Registern bautechnisch einführte. Um die Orgel seiner Mobilität anzupassen, erfand er das Orchestrion, das reisefähig war. Nach der Ermordung Gustavs III. verwirklichte sich Vogler, offenbar inzwischen finanziell hinreichend abgesichert, weit reisend den Wunsch, an den Rändern Europas den Spuren ursprünglich scheinender volkstümlicher Musik-Praktiken nachzuforschen (seine Schlussfolgerungen gingen ein in das "Choral-System" von 1800). Zurückgekehrt blieb er in Stockholm bis 1799, bevor er sich wieder dem deutschsprachigen Gebiet zuwandte. 1802–04 in Wien, hatte er mit den Opern Castore e Polluce und Samori Erfolg. Nach weiteren Jahren der Wanderschaft fand Vogler letzte Anstellung in Darmstadt, angeboten vom musikalisch hochbegeisterten und auch selbst leitend ausführenden Großherzog Ludewig I. Vogler unterrichtete in dem dort erworbenen letzten Haus Gänsbacher, Meyerbeer und Carl Maria von Weber. Einen Tag nach seinem Tod wurde Vogler still an der Südostseite des alten Darmstädter Friedhofs am Kapellenplatz bestattet. Im Juni stiftete der Großherzog dem Grab des kontrovers rezipierten Musikgelehrten einen würfelförmigen Grabstein von würdiger klassizistischer Schlichtheit. 

    Dieser war nach Mitte des 19. Jahrhunderts schon sehr schadhaft, wie der Verwalter der Darmstädter Opernhaus-Archivalien, Ernst Pasqué beklagt. Sein Gedenk-Artikel ist eine direkte Reaktion auf den Entschluss der Darmstädter Stadtverwaltung von 1866, den verwahrlosten Friedhof auf dem Kapellenplatz aufzulösen. Die meisten Grabmäler wurden beseitigt und dem Bauhof zugeführt, darunter auch dasjenige des berühmten Hofkapellmeisters Johann Christoph Graupner (gest. 1760). Gewiss haben Pasqués polemische Zeilen dazu beigetragen, dass Voglers Grab bewahrt und der Grabstein durch ein Duplikat ersetzt wurde.

    "Abt Voglers Grab.

    Zu Darmstadt, auf dem sogenannten alten Friedhöfe, einem kleinen Platze, der weder Friedhof noch Anlage, weder schön noch geradezu häßlich zu nennen ist, erhebt sich, wenige Fuß von den Mauern einer ziemlich unansehnlichen, doch in ihrem Verfall recht malerischen Capelle, ein Würfel von grauem Marmor, im griechischen Styl gearbeitet, der an vielen Stellen schadhaft, zerschlagen und verdorben, die folgenden Inschriften trägt:

    „Abt G. J. Vogler. Geistlicher Geheimer Rath. Geboren zu Würzburg. XV. Juni MDCCXLIX. Gestorben zu Darmstadt. VI Mai MDCCCXIV. Liegt unter diesem Grabstein. Dem vorzüglichen Tongelehrten. Und geistvollen Komponisten. Errichtet von Ludewig G.H. v. H.“

    Das ist das Grab V o g l e r s, des seiner Zeit so berühmten Orgel-Virtuosen und Theoretikers. 1807 zog er in Darmstadt ein, von dem Großherzog L u d e w i g  I. dauernd und unter günstigen Bedingungen an die Stadt gefesselt. (Er erhielt die Würde eines geh. geistl. Rates, frei Holz und täglich vier Wachslichter.) Hier schuf sich Vogler eine neue Heimat durch Erstehung eines hübschen Wohnhauses, in dem er seine Schüler M e y e r - b e e r und G ä n s b a c h e r aufnahm. Hier verlebte er die letzten Jahre seines vielbewegten und tätigen Lebens, geehrt von seinem Fürsten, bewundert von seinen Schülern, zu denen im Jahre 1810 noch C a r l  M a r i a  v o n  W e b e r  sich gesellte – und wahrhaft angestaunt von der Bevölkerung der Stadt, die wohl noch nie eine seltsamere und doch auch wieder so bedeutende Persönlichkeit in ihrer Mitte gesehen hatte. Von Augenzeugen wird die Erscheinung Vogler etwa also beschrieben: Klein und dick, | mit etwas vorgebeugtem Haupte, hingen seine langen Arme mit den langen Fingern, welche zwei Oktaven mit Leichtigkeit umspannen konnten, bis über die Knie herab. Als päpstlicher Erzzeuge, Kämmerer des apostolischen Palastes und Ritter vom goldenen Sporn, bestand seine Kleidung aus kurzen schwarzen Hosen, einem rothen und weißen Strumpfe, schwarzen Schuhen und einem goldenen Sporn am rechten Fuße. Vom Kragen seines weitschößigen Fracks fiel das schwarzseidene kurze Abbémäntelchen herab, auf welchem der Stern des Ludewigs-Ordens angeheftet war, mit dem der Wind oft sein loses Spiel trieb. Den gleichen Orden trug er als Groß-Komthur desselben, an einem rothen Bande um den Hals und auf der Brust und an der linken Seite einen Degen. – Voglers Wirken in Darmstadt erstreckte sich hauptsächlich nur auf die Bildung seiner Schüler, da Großherzog Ludewig I. die Leitung seiner Hofcapelle und Oper theilweise selbst besorgte. Doch wurde Voglers Oper „S a m o r i“ – die er (1803?) für Wien geschrieben, und für die er, außer andern Emolumenten, noch 12,000 Gulden erhalten – in vorzüglicher Weise und unter seinen Augen zur Darstellung gebracht. (Sie erschien von 1811 bis 1815 zwölf mal auf dem Hofoperntheater.) Die letzte Zeit seines Aufenthaltes wurde durch Mißverständnisse getrübt, was Veranlassung gab zu verschiedenen Reisen nach Würzburg, München &c. Am 6. Mai 1814, zwischen 4 und 5 Uhr, starb er an einem Schlagflusse. Am 7. Mai Abends 6 Uhr wurde er unter Begleitung von zwei Priestern, einigen Freunden und seiner Dienerschaft in der Stille zu Grabe gebracht. Seinen Sarg ließ die Großherzogin L o u i s e, seine dankbarste Schülerin, mit einer Leier und einem Lorbeerkranz zieren; auch widmete sie ihm einen von Prof. Z i m m e r m a n n  gedichteten poetischen Nachruf. Eine Strophe lautete:

    „Der Tonkunst großem Meister gab Apoll’
    Die gold’ne Leier einst. Bewundrungsvoll
    Und hochentzückt horcht Alles auf die Lieder,
    Die sie ertönen ließ. Doch jetzt verstummt ihr Ton.
    O! ständen wir vor Gottes Thron,
    Gewiß, wir hörten ihre Harmonien wieder!“

    Großherzog Ludewig I. ließ dann das Grab mit dem einfachen doch geschmackvollen Denkmal zieren, dessen Anfangs erwähnt wurde und das den entschlafenen Meister wie den fürstlichen Gründer gleich hoch ehrt.

    Die Stadt aber hat des Steines nicht geachtet, wie es Pflicht gewesen wäre zu thun. In einem wahrhaft trostlosen Zustande stellt er sich dem Beschauer dar, und das Denkmal, welches eine Zierde des an bedeutsamen Erinnerungen so armen Darmstadts sein könnte, erweckt nur Mitleid mit dem vergessenen Todten und ein vollständig gerechtfertigtes Zürnen über Diejenigen, die solchen Verfall verschuldet.

    Darmstadt im Juni 1866."

    {E[rnst] P[asqué]: Abt Voglers Grab, in: Signale für die Musikalische Welt 24 (1866), Nr. 29, S. 521 f.}

    Nach Anbringung des Duplikats konnte Pasqué die Bruchstücke des Originalgrabsteins vor weiterer Zerstörung sichern. Carlo Schneiders Die Friedhöfe in Darmstadt (Darmstadt 1991, S. 133) gab noch an, der originale Grabstein fände sich in einem Privatgarten der Darmstädter Bergstraße. Tatsächlich brachte sie Heiner Nickles um 1970 nach Würzburg und vermachte sie dem Musikverehrer Ernst Michaeli (Lissabonner Str. 34, Würzburg), der die Fragmente verwahrte. 1999 konnte der Würzburger Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. Ulrich Konrad Michaeli davon überzeugen, die Steine dem Institut für Musikwissenschaft zu überlassen. In Kooperation mit dem damaligen Lehrstuhlinhaber für Klassische Archäologie, Prof. Dr. Ulrich Sinn ließ Konrad 1999 durch den Restaurator Miron Doru Sevastre vom Martin von Wagner-Museum einen Abguss erstellen, der zum 250. Geburtstag Voglers im Treppenhaus vom Domkreuzgang zum Würzburger Diözesanarchiv als Gedenktafel angebracht wurde. Das Memorial wurde am 4. Juli 1999 von Bischof Dr. Paul-Werner Scheele in einer Feierstunde geweiht und der Öffentlichkeit übergeben. Die Begrüßung sprach Prof. Konrad, musikhistorische Erläuterungen gab Prof. Dr. Bernhard Janz. Domchor und Domsingknaben unter der Leitung des Domkapellmeisters Prof. Siegfried Koesler sangen rahmend die Oster-Hymne "Pange lingua" in der Harmonisierung Voglers, seine Bearbeitung des "Kiliansliedes" und im Wechselgesang mit der Gemeinde den Psalm 150 in deutscher Übersetzung.

    Im Zuge des Komplettumbaus der Räume für die Würzburger Dommusik (2013/2014) wurde die Tafel wieder abgenommen und im Depot eingelagert. Sie wartet nun darauf, gelegentlich wieder einen angemessenen Platz zu finden.

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