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    Tangentenflügel – N 9

    Franz Jakob Spath [Späth] (1714–1786) und Christoph Friedrich Schmahl (1739–1814); Regensburg vor 1794

    Um die Klangentfaltung des Kielflügels mit der Wartungsfreiheit des Hammerklaviers zu verbinden, entwickelte die bedeutende Klavierbauwerkstatt Späth und Schmahl gegen Ende des 18. Jahrhunderts die bereits bekannte Tangentenmechanik weiter. Bei Tastendruck wird zunächst der Dämpfer von der Saite abgehoben, dann prallt die Tangente (ein hölzernes Projektil) mit hoher Geschwindigkeit an die Saite und fällt zurück. Die Saite kann jetzt frei schwingen, bis die Taste wieder losgelassen wird, der Dämpfer fällt und der Ton beendet wird. (Vgl. Mustermechaniken, N 20, mit Slow Motion-Video.) – In einem Brief vom 17. Oktober 1777 schreibt Wolfgang Amadé Mozart: „Ehe ich noch vom stein seiner arbeit etwas gesehen habe, waren mir die spättischen Clavier die liebsten“. (W. A. Mozart, Briefe und Aufzeichnungen II, 1777–1779, hg. v. W. A. Bauer and O. E. Deutsch, Kassel, Basel, London, New York 1962, S. 68.) Zu ihrer Blütezeit war die Tangentenmechanik jedoch bereits von neuentwickelten Hammermechaniken überholt.

    Signatur nicht mehr nachweisbar (früher nach Eschler in der Mitte des Stimmstocks vor den Wirbeln, bei den Vergleichinstrumenten in schwarzer Tusche auf dem Resonanzboden).

    Länge gesamt (mit Sockel) 221,5 cm, max. Breite 99,2 cm, Zargenhöhe mit Unterboden 24,5 cm.

    Gehäuse mit Nussbaum furniert.

    Umfang: F1–f3; Klaviatur-Stichmaß 47,6 cm.
    Untertasten schwarz gebeizter Birnbaum mit Ebenholzauflage  
    Obertasten gebeizter Birnbaum mit Knochenauflage  

    Tangenten und Treiber aus Birnbaum, Treiber mit Pergamentscharnieren an einer Eichenleiste befestigt. Auf den Rückenden der Treiber mit Bleistift die Tonbuchstaben. Einzeldämpfer (Dämpferspäne mit Birne-Dämpferklötzchen), darauf mit Tinte die Tonbuchstaben.
    Tangentenmechanik nach Spath & Schmahl.

    Mehrere restaurorische Eingriffe: Die Nussbaum-Sockelleisten am Zargenende sind nicht, wie bei Eschler (1993, S. 93) angegeben, schwarz gebeizt, sondern mit schwarzem Schellack angestrichen. An der Front sieht man durch Abschabungen hindurch den wohl ursprünglichen hellen Lack (wohl auf Öl-Harz-Basis). Diese Lackierung war 1927 – siehe Foto bei Hermann (1927, S. 62) – noch nicht aufgetragen. Die Deckelstütze wurde gekürzt. Der Deckel aus Eiche ist nicht original (siehe die Deckel der Vergleichsinstrumente), war jedoch 1927 bereits angebracht, so auch das versenkbare Notenpult, für das die Nussbaumprofilleiste des Vorsatzbretts unterbrochen wurde. Die Deformation des Deckel ist bei Eschler (1993, S 120) bereits fotografisch dokumentiert. Die vierkantigen Nussbaum-Beine stammen wohl aus den 1930er Jahren. 1927 hatte das Instrument gedrechselte Beine (auch nicht original, nicht mehr vorhanden). Aus den 1930er Jahren stammen wohl die massiven Eingriffe am Korpusinneren und -boden. Ein Bodenstück wurde wohl v.a. wegen Wurmbefall ausgestemmt (siehe Bodenansicht), wohl aber auch, um Zugang zum Korpusinneren zu erhalten. Der Stimmstock, der sich aufgrund statischer Belastung gelöst hatte, wurde mit Schrauben (links an der Bass-Seite später abermals gerissen) und Holzdübeln durch die lange und die kurze Wand der Zargen befestigt.

    Provenienz: Stiftung Reinhold Neupert.

    Zustandsbeschreibung von Volker E. Martin hier: 2014.

    Vergleichsinstrumente:Grassi-Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig, Inventar-Nr. 211. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Inventar-Nr. MINe98 (dort mit aufschlussreicher Fotodokumentation). National Music Museum, University of South Dakota, Inv.-Nr. NMM 4145. Bad Krozingen, Schloss: Neumeyer-Junghanns-Tracey-Sammlung; vgl. Kommentar vom Greifenberger Institut für Musikinstrumentenkunde. Sulzbacher Tangentenflügel im Miltenberger Claviersalon (mit Restaurierungsbericht). Händel-Haus Halle; vgl. DFG-Projekt an der TU Dresden über Untersuchungen zur Gehäusestatik und Projektdokumentation am Hornemann Institut.

    Literatur: Heinrich Herrmann, Die Regensburger Klavierbauer Späth und Schmahl und ihr Tangentenflügel, Diss. Erlangen 1928 (S. 62, No. 4, und Abb. 21); PDF-Datei der Arbeit hier. – Michael Latcham, Franz Jakob Spath and the "Tangentenflügel", an Eighteenth-Century Tradition, in: The Galpin Society Journal 57 (Mai 2004), S. 150–170.

    Führungsblatt der ehemaligen Erlanger Sammlung.

    {ow; 2018-12-10}

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